Amoklauf in München: Welche Rolle spielen gewalthaltige Games?

Am 22.07.2016 erschoss ein 18-Jähriger neun Menschen und sich selbst in einem Münchener Einkaufszentrum. Auf der Suche nach dem Motiv des Täters nennt Innenminister de Maizière auch gewaltverherrlichende Computerspiele als mögliche Katalysatoren. Dies verunsichert Eltern und Pädagog*innen verständlicherweise.

Von Daniel Heinz

Es ist komplex! Umso wichtiger ist eine sachliche Herangehensweise

Wenn es ausreichen würde, gewalthaltige Unterhaltungsmedien zu verbieten und damit solche Taten zu verhindern - es wäre längst geschehen! Doch so einfach ist es leider nicht. Wissenschaftlich konnten solche Zusammenhänge bisher nicht eindeutig bewiesen werden. Dies bestätigte sogar der Kriminologe und Computerspiel-Kritiker Christian Pfeiffer in der ARD-Sendung Hart aber fair (ab Minute 21:00). Allein der Konsum gewalthaltiger Spiele, Filme oder anderer Medien bringt niemanden dazu, Amok zu laufen. Die Ursachen und Gründe für solch eine Tat sind komplexer und nicht vom familiären und weiteren sozialen Umfeld losgelöst zu betrachten.

Medienwirkungsforschung ist generell wichtig, dabei jedoch - wie oben beschrieben - besonders für Eltern und Pädagog*innen nur bedingt erkenntnisbringend. Zu unterschiedlich sind die Forschungsergebnisse gelagert.

Vgl. folgende beispielhafte Studien:

School Shootings und Counter-Strike

Is time spent playing video games associated with mental health, cognitive and social skills in young children?

Time spent playing video games may have positive effects on young children

Children learn aggressive ways of thinking and behaving from violent video games

Violent video games leave teens 'morally immature'

 

Doch welche Dinge müssen Eltern und Pädagog*innen im Umgang mit Games wissen?

 Die Aussagen des Innenministers und die daraus entstandene Diskussion um Medienwirkung möchten wir hier zum Anlass nehmen, wichtige Fragen zu beantworten.

Medienkompetenz - Auch für Eltern wichtig!

Die technischen Entwicklungen der letzten Jahre waren für viele rasant. So lange ist es doch noch gar nicht her, dass wir unser erstes Handy in den Händen hielten oder unsere erste Mailadresse einrichteten. Oder doch?
Und was es nicht mittlerweile alles im Netz bzw. auf dem Handy gibt?! Wer blickt denn da noch wirklich durch?
Sie hoffentlich! Denn so sehr sich viele Eltern oder Pädagog*innen nicht für diese Neuerungen interessieren - die Kinder und Jugendlichen tun es. Und damit müssen auch wir uns damit auseinandersetzen. Für sie sind Handy, Smartphone, Games oder Facebook wichtige Dinge ihrer Lebensrealität. Dabei geht es nicht immer ums Detail. Viele Webseiten bieten Ihnen Übersichtswissen, das sie im Bedarfsfall mit spezielleren Informationen, wie einer Spielbeurteilung erweitern können.

Nicht alles was ein Spiel ist, ist für Kinder und Jugendliche geeignet!

Spielen und Comics haftet noch immer der Geruch des Kindlichen an, dabei gibt es mittlerweile auch dort reine Erwachsenenunterhaltung, die auf Kinder sowohl grafisch wie auch inhaltlich sehr verstörend wirken kann. Die Simpsons z.B. scheinen auf den ersten Blick auch für Kinder geeignet, deren Inhalte richten sich aber an Jugendliche und Erwachsene und können von Kindern noch nicht in Gänze verstanden werden.
Vielen Erwachsenen, die selbst nie oder nur zu den Anfängen der Computerspiele - als noch alles grob-pixelig war - mit ihnen in Kontakt gekommen sind, ist nicht immer klar, dass viele Spieletitel gar nicht für Jugendliche, geschweige denn Kinder geeignet sind. Dies trifft besonders auf die Titel zu, die besonders präsent in der Öffentlichkeit sind (GTA, Call of Duty, etc.). Hier gilt es, genau hinzuschauen und ins Gespräch zu kommen.

Was sind überhaupt Killerspiele?

Der Begriff „Killerspiel“ wird (ausschließlich) im deutschen Sprachraum im negativen Zusammenhang verwendet, um gewaltdarstellende Spiele zu beschreiben. Mittlerweile werden damit in erster Linie Games aus dem Shooter-Genre bezeichnet, in denen virtuelle Gewalt gegen menschliche oder menschenähnliche Figuren aus der Ich-Perspektive ausgeübt wird.
Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages definiert den Begriff „Killerspiel“ z.B. folgendermaßen: „Killerspiele sind solche Computerspiele, in denen das realitätsnah simulierte Töten von Menschen in der fiktiven Spielwelt wesentlicher Bestandteil der Spielhandlung ist und der Erfolg des Spielers im Wesentlichen davon abhängt. Dabei sind insbesondere die graphische Darstellung der Tötungshandlungen und die spielimmanenten Tötungsmotive zu berücksichtigen.“
Der Ausdruck „Killerspiel“ stellt keinen wissenschaftlichen oder juristischen Begriff dar und wirkt durch seine polemische Sprachfärbung oftmals einer notwendigen Versachlichung der Diskussion entgegen.
Der Journalist Christian Schiffer zeichnet in einer Dokumentationsreihe den Diskurs 'Killerspiele' nach. Zwei Folgen sind bisher erschienen.

Machen Computerspiele gewalttätig?

Inwieweit Computerspiele den Nutzer aggressiv machen, ist aufgrund unterschiedlicher Forschungsergebnisse durchaus nicht einfach zu beantworten. Dass Computerspiele einen Einfluss auf Kinder und Jugendliche haben, ist mittlerweile unter deutschen wie internationalen Forschern unumstritten. Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Nutzung von Gewaltspielen und der direkten Ausübung von realer Gewalt ist jedoch nicht erwiesen. Für Forscher fallen vielmehr soziale und familiäre Ursachen ins Gewicht, die zu jugendlichen Gewalttätern führen. Wer Gewalt in der Familie erlebt, neigt demnach eher dazu, Gewalt gegenüber anderen Menschen anzuwenden. Bei den Amokläufern von Erfurt und Winnenden spielte zudem die Verfügbarkeit von Schusswaffen eine entscheidende Rolle. Im Falle des Täters von München wurde die Waffe hingegen im Darknet, einem Netzwerk, in dem die Nutzer anonym unterwegs sind, gekauft.

Weitere Informationen zum Thema Gewaltforschung auf klicksafe.de.

Was ist dieses Counter Strike: Source?

"Counter Strike: Source" (USK: Freigegeben ab 16 Jahren) ist der technisch neu aufpolierte Nachfolger des bekannten Ego-Shooters "Counter Strike". Das Spielprinzip orientiert sich dicht an dem bekannten Geländespiel "Räuber und Gendarme". Dieser Vergleich bezieht sich allerdings nur auf eine ausschließlich regelbezogene Verwandtschaft. In "Counterstrike: Source" tritt der Spieler als Teil einer von zwei Parteien in einem Netzwerkspiel (meist über das Internet) gegen die gegnerische an, um einen bestimmten Auftrag zu erfüllen. Dies kann z.B. das Entschärfen einer Bombe sein. In diesem Beispiel wäre es Aufgabe der einen Partei (Terroristen), die Bombe zu platzieren und deren Detonation zu gewährleisten, und die der anderen Partei (Sondereinsatzkommando), die Bombe zu entschärfen. Um dieses Ziel zu erreichen, steht dem Spieler eine große Auswahl an Waffen zur Verfügung, mit deren Einsatz die Gegner "unschädlich" zu machen sind. An dieser Stelle wird auch klar deutlich, warum "Counter Strike" in der Vergangenheit stark in die Kritik der Medien und der Politik geraten ist.

Pädagogische Beurteilung zu Counter Strike: Source

Video-Beurteilung zum Nachfolger Counter Strike: Global Offensive

Wie funktioniert der Jugendschutz in Deutschland? 

Wichtiger Pfeiler im Bereich der digitalen Spiele ist der Jugendschutz in Deutschland. Die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle; analog zur FSK = Freiwillige Selbskontrolle für Filme) prüft in Deutschland erscheinende Computerspiele. Die USK organisiert ein Verfahren, in dem staatliche Vertreter Alterskennzeichen für Spiele vergeben. Dieses System stellt sicher, dass Computerspiele, die in Deutschland auf einem Trägermedium erscheinen, nur an Kinder und Jugendliche abgegeben werden, wenn die Inhalte für ihre Altersgruppe freigegeben sind.
Vielleicht wird ja die aktuelle Diskussion zum Anlass genommen, den derzeitigen Jugendschutz zu novellieren und zeitgemäß auszugestalten. Denn im Unterschied zu Computerspielen, die als Trägermedien (CD's, DVD's, Blu Ray Disks) zum Kauf angeboten werden, unterliegen Telemedien, also Spiele, die ausschließlich online existieren, bisher noch keiner Kennzeichnungspflicht seitens der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK). Eltern haben hier kaum offensichtliche Anhaltspunkte, ob bei einem Angebot problematische Inhalte für ihr Kind vorhanden sind. Initiativen wie IARC, die auch die USK angehören, haben sich zum Ziel gesetzt, einen einheitliche Kennzeichnung auch in Appstores und Verkaufsplattformen herbeizuführen, allerdings besitzen diese zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine gesetzliche Verbindlichkeit.
Allein schon der Begriff des „Telemediums“ macht deutlich, wie antiquiert die gesetzliche Grundlage ist, oder besser, wie schnell der technische Fortschritt Regeln und Gesetze sinnlos erscheinen lässt. Eltern sind deshalb mehr denn je gefragt, sich auf Plattformen wie dem Spieleratgeber-NRW oder Klicksafe.de über die Medien zu informieren, die ihre Kinder konsumieren.

Was können Eltern tun?

Achten Sie auf die Alterskennzeichnung

Spiele, die von der USK keine Jugendfreigabe erhalten, haben in den Händen von Kindern nichts verloren. Die gewalthaltigen Inhalte dieser Spiele und ihre z. T. ausgeprägten Darstellungen von Brutalität können Kinder und Jugendliche verstören. Zudem befinden sich die Heranwachsenden in einer sensiblen Entwicklungsphase, in der sich Normen und Einstellungen, z. B. im Hinblick auf Aggression, erst ausprägen. Deshalb gilt: Erkundigen Sie sich über Spiele, die Sie nicht kennen, besonders wenn diese kein anerkanntes Alterskennzeichen besitzen. Dies gilt besonders für Online und Mobile Games.

Sprechen Sie über die Spiele

Suchen Sie das Gespräch mit älteren Geschwistern, die diese Spiele vielleicht schon spielen dürfen und erklären Sie ihnen Ihre Haltung. Sprechen Sie mit den Eltern der Freunde Ihrer Kinder und tauschen sie ihre Erfahrungen aus, damit in deren Haushalten nicht die von Ihnen abgelehnten Spiele gespielt werden. Erkundigen Sie sich auch, ob das Thema „Medien und Gewalt“ in der Schule Ihrer Kinder thematisiert wird.

Diskutieren Sie über Gewalt

Wie viele andere Medien sind auch Computerspiele kein Selbstzweck, sondern bieten immer wieder Gelegenheit, sich mit anderen Themen auseinanderzusetzen. Wenn Sie nicht möchten, dass Ihre Kinder bestimmte Spiele wegen ihres gewalthaltigen Inhalts spielen, können Sie dies auch in einen allgemeineren Rahmen einbetten, in dem über mediale Gewalt an sich oder die Frage „Wie gehen wir in der Familie miteinander um?“ diskutiert wird. Versuchen Sie nicht zu verallgemeinern und vermeiden Sie Begriffe wie „Killerspiele“ – damit verhärten Sie bloß die Positionen. Achten Sie darauf, welches Vorbild Sie Ihren Kindern in Bezug auf den Konsum von Mediengewalt geben (z. B. in Bezug auf Gewalt im Fernsehen). Wichtig ist, dass Sie eine klare Position beziehen und sie im Gespräch mit Ihren Kindern erklären. Wenn Sie daraufhin Regeln vereinbaren, sollten Sie diese auch konsequent durchsetzen. Vielleicht wird ein Kompromiss dadurch möglich, dass Sie andere (Computer-)Spiele oder spannende Freizeitbeschäftigungen als Alternativen vorschlagen.

Versuchen Sie, die Faszination nachzuempfinden

Ein generelles Verbot von Spielen mag Ihren Kindern als ungerechtfertigt erscheinen. Das kann daran liegen, dass sie als Spieler eine ganz andere Wahrnehmung von einem Spiel haben. Wenn Sie keine eigenen Erfahrungen mit den Spielen gemacht haben, kann das eigene Ausprobieren eines Spiels vielleicht Ihre Wahrnehmung und Einstellung verändern. Es gibt verschiedene Anbieter von Veranstaltungen (z. B. sogenannte Eltern-LANs), auf denen Eltern die bei den Heranwachsenden beliebten Spiele kennenlernen können.

Vermeiden Sie Pauschalurteile

Lassen Sie sich nicht von den – teilweise sehr emotional geführten – Debatten anstecken, die in den letzten Jahren über Computerspiele geführt wurden. Kein Kind, das in einem liebevollen familiären Rahmen und mit einem funktionierenden Freundeskreis aufwächst, wird allein durch Computerspiele zum Gewalttäter. Genauso wenig werden Spiele oder Lernsoftware allein dazu führen, dass Kinder klüger werden oder bessere Berufschancen haben. Wenn es einen Lernerfolg in Computerspielen gibt, dann bleibt dieser zumeist auf die Spiele selbst beschränkt: Was in einem Computerspiel erfolgreich angewendet wurde, hilft bei der Bewältigung des nächsten Spiels eines Genres. Transfers des Erlebten erfolgen auch im Lernbereich in der vielfältigen Auseinandersetzung mit Themen.

Achten Sie auf Mobbing.

Der Täter von München hatte scheinbar unter Mobbing leiden müssen. Die Frage ist: Wie können wir Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche, die Mobbingerfahrungen machen, die sich in die Enge gedrückt fühlen und sich aus Hass zu einer solchen schrecklichen Tat entscheiden, möglichst frühzeitig unterstützen? Hier sind alle gefragt: Die Eltern, die Schule, die Jugendhilfe und das soziale Umfeld. Es ist also nicht (nur) eine Frage von mehr Überwachung oder einer besseren Ausrüstung für die Sicherheitskräfte. Es geht um eine sinnvolle Prävention!

Weitere Informationen zum Thema Cyber-Mobbing auf klicksafe.de

Der Spieleratgeber-NRW möchte Sie beim Umgang mit Spielen in der Familie unterstützen. Dazu benötigen wir auch Ihre Rückmeldungen und Anregungen. Haben Sie vielleicht ein Spiel in unserer Datenbank nicht gefunden oder fehlt Ihnen ein Aspekt in der Beurteilung eines Spiels? Dann nutzen Sie das Kontaktformular oder rufen Sie uns an, wir helfen Ihnen gerne weiter.