Enslaved

Genre
Action-Adventure
USK
ab 16 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 16 Jahre
Vertrieb
Bandai Namco
Erscheinungsjahr
2010.10
Systeme
Playstation 3, Xbox 360
System im Test
Playstation 3
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Interessantes Spiel, um eine Endzeitwelt, die leider technische Probleme hat
Autor
Kadir Yilanci
Einzeltest
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Eine riesige Explosion erschüttert die Umgebung. Ein Mann wird aus einer Kapsel herausgeschleudert. Noch benommen von der Wucht des Aufpralls kommt er langsam zu sich und sieht, wie eine rothaarige Frau den metallenen Steg herunter flüchtet. Er läuft ihr hinterher und so langsam merken Spieler, wo sich ihr Alter Ego befindet: es ist ein Gefängnis. Überall hängen diese Kapsel-Käfige. Weitere Explosionen erschüttern das Gebäude, Gitterwege brechen weg, aber der Flüchtige kann sich mit beherzten Sprüngen auf die andere Seite retten. Dem Gefangenen gelingt es kurze Zeit später, Teile seiner Ausrüstung zu bergen, die aus Metall-Handschuhe und einem ausfahrbaren Stab besteht. Den braucht er auch, um sich gegen die Roboter-Wachen zu verteidigen. Eine weitere Explosion zerreißt eine Wand und gibt den Blick auf vorbei ziehende Wolken und deren zerstörte Kratzer frei. Es ist eine fliegende Festung und kurz davor abzustürzen. Eine elektronische Ansage gibt Hinweise auf Rettungsschiffe, die im vorderen Bereich zu finden sind. Doch der Weg dorthin ist von der hübschen Rothaarigen versperrt worden. Dem Mann bleibt nur noch, einen Weg über die Aussenhaut des riesigen Fliegers zu finden und beginnt eine mörderische Kletterpartie, als plötzlich der Flieger gegen die Fackel einer großen Frauenstatue kracht und…

Pädagogische Beurteilung:
Dystopische Idylle
Der Spieler wird zu Beginn des Spiels "Enslaved", in medias res, mitten ins kalte Wasser geworfen. Keinerlei Erklärungen, kein wieso-weshalb-warum? Die wenigen verfügbaren Informationen müssen Spielende sich aus den Ereignissen und der Umgebung zusammenschustern. Dieser Art des Einstiegs wird sehr gerne in Literatur und Film verwendet, um den Betrachter eine Zeitlang im unklaren zu lassen, Spannung zu erzeugen und ihn zum Nachdenken zu bewegen. Die Roboter sind ein Hinweis auf ein Zukunftsszenario, die wenigen Menschen sind vermummte Sklaven und werden von einem Computer kontrolliert. Zusammen mit der zerstörten Umgebung von New York City deuten diese Informationen auf ein schreckliches Ereignis hin. In den Ruinen hängende Propaganda-Plakate sind ein Hinweis auf einen lange andauernden Machtkampf zwischen Mensch und Mechs, den Robotern, der augenscheinlich in einem Krieg mündete. Da es kaum noch Menschen gibt, ist das Resultat des Krieges zudem offensichtlich.

Gewöhnlich resultiert ein beendeter Krieg später in einem Wiederaufbau, aber die Mechs hatten wohl dieses zutiefst menschliche Bedürfnis nicht. Die Natur konnte sich daher ungehindert ausbreiten, Pflanzen überwucherten die Ruinen und wilde Tiere übernahmen bereitwillig den neuen Lebensraum, ähnlich dem Endzeit-Film "I am Legend" aus dem Jahr 2007. Das zerstörte, grünlich bunte New York vermittelt beim Spielen eine ungewöhnliche Atmosphäre. Die Diskrepanz aus Schönheit und Zerstörung erzeugt beim Spielen eine kognitive Dissonanz, einen mentalen Konflikt, der dazu anregt, sich mit dem Geschehen und den Ereignissen des Spiels gedanklich zu beschäftigen und bindet, wie bei guten Filmen und Büchern, an das Geschehen.

Leider ist es aber den Entwicklern nicht gelungen, die spannende Grundstimmung auch spielerisch fortzuführen. Dafür strahlen die herumstreunenden Kampfroboter eine zu geringe Bedrohung aus, wirken wie Spielzeug, ähnlich den Transformers Filmen. Eine anderweitige Bedrohung hätte dem Spiel und dem Thema Endzeit besser gestanden.

Klettern, kämpfen, rätseln
Monkeys anfängliche Flucht aus der Festung wird als Tutorial verwendet und weist den Spieler in die Steuerung ein. Wie üblich bei Spielen aus der dritten Person wird mit dem linken Analogstick gesteuert. Recht unüblich ist aber die Kamerasteuerung mit dem rechten Stick bei "Enslaved" gelöst. In Spielen wie der "God of War" Serie (Test von God of War) ist eine starre Kameraposition eingebaut, die auch in engen Umgebungen dem Spieler einen guten Überblick verschafft. Frei justierbare Kameraeinstellungen, bspw. in Uncharted 2 (Test von Uncharted 3) geben dem Spieler die volle Kontrolle und ermöglichen so, sich die Umgebung und ihre Details näher anschauen zu können. In "Enslaved" haben die Entwickler von Ninja Theory eine halbautomatische Steuerung implementiert, die allerdings nicht optimal ausgefallen ist und den Spielfluss in bestimmten Situationen stört. Die Kamera lässt sich nur in Bereichen wie freies Gelände drehen, hat aber die Angewohnheit sich bei Kämpfen automatisch nachjustieren zu müssen, was spielerisch oft ungünstig ist.

Die Figurensteuerung hat leider auch ihre Probleme. Die Bewegung des Protagonisten ist zu unmittelbar, sie reagiert zu schnell auf den Befehl des linken Analogstick. Dadurch bewegt sich Monkey aus dem Stand heraus zu plötzlich, wirkt dadurch unnatürlich und macht das sehr gelungene Charakterdesign etwas zunichte. Ansonsten ist die Steuerung typisch für ein Action-Adventure. Mit X wird gesprungen, Dreieck und Quadrat sind für den Kampf mit dem Stab reserviert. Die gezeigte Gewalt hält sich übrigens in Grenzen, da es Roboter sind, fliesst auch kein Blut. Aus pädagogischer Sicht sollten Jugendliche ab 16 Jahren inhaltlich mit dem Titel keine Probleme haben. Auf den unteren Schultertasten sind blockieren und schiessen mit dem Stab belegt. Mit der linken oberen Schultertaste kann und muss der Partnerin Kommandos erteilt werden, denn nur über die Zusammenarbeit sind eine Vielzahl der Kämpfe und Rätsel zu lösen.

Mit diesen Kommandos kann Trip Monkeys Ausrüstungsgegenstände mit gefundenen roten Kristallen verbessern. Daneben kann sie ihn heilen, auf Kommando laufen und sehr wichtig, Ablenkungsmanöver starten. So lenkt sie das Feuer von Wachrobotern auf sich, während Monkey von Deckung zu Deckung hechtet oder Kletteraktionen vollführt. In solchen Momenten ist Eile geboten, denn die Ablenkung ist zeitlich begrenzt. Diese Passagen sind aufgrund des Zeitdrucks spannend gestaltet, was man von den häufigen Kletterpartien leider nicht behaupten kann. Es gibt bspw. keine Ausdaueranzeige und was die Sache wenig spektakulär und viel zu einfach macht ist, das Monkey nicht daneben greifen und daher nicht herunterfallen kann.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft?
Als Monkey von dem Sturz aus der fliegenden Festung zu sich kommt, sieht er die Welt verschwommen. Doch die Ursache der Doppelbilder ist nicht etwa die harte Landung. Trip hat dem Mann eine Art elektronische Gehirn-Fessel-Helm übergestülpt, mit dem auch die Mechs Menschen zu willenlosen Sklaven machen. Monkey ist selbstverständlich von seinem neuen Kopfschmuck wenig begeistert, doch es bleibt ihm nicht viel anderes übrig, als sich dem Willen von Trip zu beugen. Denn Trip kann Monkey bei ungehorsam schmerzhafte Stromschläge verpassen, der Helm verbindet zudem ihre Gedanken und als wenn das nicht reichen würde ist in dem Helm ein spezieller Mechanismus eingebaut. Falls Trip stirbt, stirbt auch Monkey. So zusammengeschweisst, machen sich die Beiden zunächst zur Absturzstelle des Gefängnisses auf.

Die Rollenverteilung ist (leider) klar. Monkey ist der Mann fürs Grobe. Trip hat aber auch einige Spezialfähigkeiten auf Lager. Sie kann elektronische Barrieren hacken, die Umgebung auf Minen und Roboter scannen. Zusammen mit Monkeys Muskeln ergeben die beiden eine starke Einheit. Was aber viel wichtiger ist, dass "Enslaved" durch das Teamwork ein Buddy-Spiel (analog zu dem Subgenre Buddy-Film) ist und dadurch emotionale Bindungsfaktoren aufbaut. Die anfänglich auf Zwang ausgelegte Zusammenarbeit wird natürlich mit zunehmender Dauer freundschaftlich, je besser sich die beiden Figuren kennen lernen und je besser der Spieler selber die beiden Figuren durch die gelungenen Dialoge, die ausnahmsweise gut synchronisiert sind, kennenlernt. Übrigens wurde Schauspieler Andy Serkis, der schon der digitalen Figur Gollum aus der Herr der Ringe Trilogie Leben einhauchte, als Monkey digitalisiert und verleiht im englischen Original auch seine Stimme.

Durch das Spielsystem „Beschütze-die-hübsche-Frau“ wird bei (männlichen) Spielern einen Schlüsselreiz ausgelöst, dadurch der angeborene Beschützerinstinkt aktiviert und so eine emotionale Involviertheit erzeugt. Diese Bindung resultiert in einem gesteigerten und positiven Spielerlebnis, das auf der Gefühlsebene funktioniert. Genial wurde dies beim Videospielklassiker "ICO" (Wikipedia Artikel zu ICO) umgesetzt, in dem Spielende nicht nur ein junges Mädchen gegen dunkle Schattenwesen beschützen mussten. Das Spielprinzip erforderte es, das Mädchen an die Hand zu nehmen, um sie aus einem verwunschenen Schloss zu führen. Das steigerte die Bindung zwischen Spieler und Spielfigur fast ins Körperliche.

Fazit:
Die bunte Endzeitwelt von "Enslaved" erzeugt eine ungewöhnliche Stimmung, das leider spielerisch nicht aufgegriffen wird. Das Zusammenspiel zwischen den gegensätzlichen, aber realistischen Figuren, ist durch die Dialoge sehr gut gelungen. Jedoch trüben einige technische Mängel, wie die Kameraführung, eine unstabile Bildrate und das unnatürliche Laufverhalten des Protagonisten Monkey das Vergnügen. Das Action-Adventure ist für Jugendliche ab 16 Jahren geeignet.