Grand Theft Auto (GTA) - Chinatown Wars

Genre
Action-Adventure
USK
keine Jugendfreigabe (?)
Pädagogisch
ab 18 Jahre
Vertrieb
Rockstar Games
Erscheinungsjahr
2009.03
Systeme
Playstation Portable, Nintendo DS
System im Test
Nintendo DS
Kurzbewertung
Kleines Spiel, kleine Konsole – aber trotzdem nicht für Kinder und Jugendliche geeignet
Redaktion
Daniel Heinz
Spieleratgeber-NRW
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Huang Lee, Sohn des kürzlich verstorbenen Triaden-Bosses, soll seinem Onkel in Amerika ein wertvolles Schwert überreichen. Doch kaum im "gelobten Land" angekommen, wird er beraubt, entführt, angeschossen und zu allem Überfluss samt Auto im Hafenbecken versenkt. Direkt nach dem rasanten wie hochtrabenden Intro findet sich Huang in seinem neuen Unterschlupf wieder und muss seinem Onkel Kenny den Verlust des Schwertes gestehen. Gesteuert von Rachegedanken macht er sich auf die Suche nach seinen Peinigern, um das Familienerbstück mit allen Mitteln wiederzuerlangen. Der nun folgende Spielverlauf ist Kennern der Serie durchaus bekannt: Beginnend als kleiner Handlanger gilt es für verschiedene Auftraggeber in einer offenen Spielwelt gangstertypische Aufgaben durchzuführen, um an Kapital zu gewinnen und sich nach und nach einen Namen im Untergrund der Stadt Liberty City zu machen. Abseits des Haupthandlungsstranges warten wieder zahlreiche interessante und motivierende Nebenbeschäftigungen auf den Spieler. 

Handlungsort ist ein weiteres Mal die fiktive amerikanische Stadt Liberty City, deren Aufmachung ganz bewusst an New York erinnern soll. Kennern von "Grand Theft Auto IV" wird sofort positiv auffallen, dass nahezu das gesamte Straßennetz übernommen wurde und die Spielwelt auch auf dem kleinen Handheld sehr lebendig wirkt. Grafisch unterscheiden sich die Spiele allerdings deutlich voneinander. Statt Huang durch eine realitätsnah inszenierte 3D-Welt zu manövrieren, beobachtet der Spieler hier ein im Comicstil gehaltene Treiben aus der Vogelperspektive. Der Soundtrack besteht vorwiegend aus einfachem Instrumentalsound, ausgelegt für tragbaren Konsolen, und ist mit ca. 40 unterschiedlichen Titeln umfangreich. Mit Hilfe des Steuerkreuzes bewegt man Huang durch die Straßen der Stadt, auf Knopfdruck schießt er oder reißt brutal Insassen aus einem Auto heraus und nimmt selbst Platz auf dem Fahrersitz. Auch die Benutzung des Touchpens (Stylus) wurde klug in die Spielhandlung eingebaut und sein Einsatz wirkt kaum aufgesetzt oder sinnlos, wie in manch anderer DS-Umsetzung. Z.B. muss man, um ein Auto zu klauen, die Schrauben einer Abdeckung lösen hinter der sich die Zündkabel zum Starten des Vehikels verbergen, die es anschließend zu verbinden gilt. In anderen Spielsituationen muss man hingegen mittels des Stylus Bomben entschärfen. Mit einem Testgerät kann man die einzelnen Drähte testen und der richtige Draht wird durch streichen mit dem Touchpen durchtrennt. Solche Spieleinlagen sind einerseits neu und erhöhen den Spaß deutlich.

Pädagogische Beurteilung:
Um im Spielverlauf erfolgreich zu sein, muss der Spieler für verschiedene zwielichtige Gestalten Aufträge erledigen. Diese fallen GTA-typisch aus: Wie gehabt gilt es Autos zu stehlen, Courierfahrten zu erledigen, Rennen zu fahren und sich als Auftragsmörder einen Ruf innerhalb des Triaden-Clans zu machen. Im Spielverlauf weitet sich das Netz an Auftraggebern und Kontakten und die Missionen werden immer schwieriger (vorab einstellbare Schwierigkeitsstufen sind nicht möglich), die Handlungsforderungen wiederholen sich allerdings auch oft. Meist gilt es ein Fortbewegungsmittel zu klauen, zum Auftraggeber zu fahren, anschließend einer Markierung auf der Karte zu folgen, um hier meist eine kriminelle Handlung durchzuführen. Dabei sind die Missionen eingebettet in eine Story, die mit zahlreichen Wendungen zu überraschen weiß. Teils werden dem Spieler auch Entscheidungen abverlangt. Z.B. hat man die Wahl, entweder einen Gangster zu töten und damit beim Auftraggeber zu punkten, oder man lässt ihn laufen, was auf den weiteren Spielverlauf nachvollziehbare Konsequenzen hat. Moralisch oder ethisch sind solche Entscheidungen nur selten, denn in "GTA - Chinatown Wars" hat jede Figur, auf die Huang trifft, einen undurchsichtigen Lebenslauf. Ein einfaches "Gut & Böse"-Prinzip scheint es in Liberty City somit weniger zu geben, Spielcharaktere werden außerdem sehr klischeehaft und eindimensional dargestellt (z. B. dealen Jamaikaner mit Marihuana). Das Spiel funktioniert wie schon seit Jahren auch in diesem Fall als hervorragende, kluge Satire auf die amerikanische Lebensart und deren ungesunden Auswüchse. 

Eine gelungene und sehr reizvolle Abwechslung zum Missionsalltag stellen die Drogendeals dar, die sich als Mini-Wirtschaftssimulation nahtlos in das kriminell orientierte Spielgeschehen einfügen. Von Heroin über Koks bis hin zu Gras und LSD – eine Fülle an illegalen Rauschmitteln steht zum Handel bereit. Getreu der Devise "Billig kaufen, teuer verkaufen" muss der Spieler überlegt verschiedene Dealer aufsuchen und deren Preise vergleichen. Ab und an erhält er Nachrichten über sein PDA, wo er bestimmte Drogen besonders lukrativ an den Mann bringen kann. Doch die Deals haben auch einen Haken, denn in "Liberty Island" sind insgesamt hundert Überwachungskameras montiert. Um Drogendeals unentdeckt von der Staatsmacht durchzuführen, können diese mittels Molotowcocktails oder Granaten abgefackelt werden – mit dem Nachteil, dass sich im Gegenzug mehr Dealer in dieser Region niederlassen und die Preise deutlich sinken. Hier werden Konsequenzen von Handlungen und Entscheidungen des Spielers direkt nachvollziehbar. Zudem kann sich der Spieler als Taxi- und Krankenwagenfahrer, Verbrecherjäger der Bürgerwehr oder Feuerwehrmann betätigen, will er zusätzlich sein Portemonnaie füllen. Auch eine solche Berufskarriere beginnt standardmäßig mit einer kriminellen Aktion, in diesen Fällen mit dem Stehlen eines entsprechenden Fahrzeuges. Außerdem gilt es bei so genannten "Amokläufen" eine bestimmte Anzahl an Personen innerhalb einer bestimmten Zeit zu erschießen oder Fahrzeuge samt Insassen zu zerstören – auch solche kriminellen Aktionen werden belohnt. Durch das erwirtschaftete Kapital können neue Waffen und Häuser gekauft werden, die wiederum als Unterschlupf dienen.
Doch das kriminelle Treiben bleibt oft nicht unbemerkt – wird man von der Polizei entdeckt, startet eine rasante Verfolgungsjagd. Je größer die Anzahl der Vergehen, desto höher ist auch der Fahndungslevel, welcher durch Sterne auf dem Bildschirm visualisiert wird. Traditionell kann man die Verfolger abschütteln, indem man seinem Fahrzeug im "Paint & Spray"-Shop eine neue Lackierung verpassen lässt. Neu und deutlich reizvoller ist die Möglichkeit, sich den Häschern entledigen zu können, indem man deren Polizeiwagen rammt und sie dadurch fahruntüchtig macht. Dies führt zu rasanten Rennen, bei denen man sein ganzes fahrerisches Geschick unter Beweis stellen muss. Denn aufgrund des kleinen Displays sind solche Verfolgungsjagden sehr knifflig und verlangen vom Spieler ein hohes Maß an Konzentration, die Boliden möglichst unfallfrei durch den Gegenverkehr und um Häuserecken zu manövrieren. Gelingt die Flucht nicht, kassiert die Polizei alle Waffen und samt Bestechungsgeld ein (ja, die Polizei ist auch korrupt – was nochmals ein Beweis dafür ist, dass das schlichte Prinzip "Gut und Böse" hier nicht greift) und auch die Drogen, die man mit sich führt, sind futsch.

Zwar ist die Spielwelt in "GTA – Chinatown Wars" trotz beschränkter technischer Möglichkeiten des Nintendo DS atmosphärisch inszeniert, dennoch muss man für den mobilen Spielspass auch ein paar Abstriche hinnehmen: Die große spielerische Freiheit, wie sie in "GTA 4" vorhanden ist, ist hier deutlich eingeschränkt. So muss der Spieler auf Individualisierungsmöglichkeiten von Huang Lee durch Klamotten, Frisur, etc. verzichten, Besuche von Erlebnisstätten, wie z. B. Bars, Internetcafes oder Bowlingbahnen sind ebenfalls nicht möglich. Auch Erkundungstouren durch Liberty City gestalten sich durch die zweidimensional dargestellte Spielwelt als weniger reizvoll. Zudem werden Zwischensequenzen nur in 2D mit deutschen Untertiteln präsentiert. 
Dafür ist der Mehrspielermodus im lokalen DS-Netzwerk ein Highlight des Spieles. Er ermöglicht spannende Autorennen mit Freunden quer durch Liberty City. Abwechslungsreiche Missionen, wie z. B. Autorennen, Kuriermissionen oder die Verteidigung von Fahrzeugen motivieren langfristig, sich ehrgeizig miteinander zu messen.

Diebstahl, Drogendeals, Auftragsmorde und sogar Amokläufe als spielerische Probehandlungen – Kriminelles Verhalten wird in "GTA – Chinatown Wars" belohnt und nur so kommt die zu führende Figur im Spielverlauf voran. Alternative Handlungsoptionen werden in den meisten Fällen nicht aufgezeigt. Sanktionen erfolgen meist nur dann, wenn man sich bei der Durchführung ungeschickt verhält und von der Polizei erwischt wird. Außerdem nimmt die Brutalität und auch die Sinnlosigkeit der Gewalt sehr hohe Ausmaße an. Diese fiktive Welt richtet sich daher ausschließlich an Erwachsene, die das anarchistisch anmutende Spielgeschehen kritisch hinterfragen können – die USK hat dem Spiel daher folgerichtig das Siegel "keine Jugendfreigabe" verpasst.
Doch viele Jugendliche, vor allem Jungen, fühlen sich erfahrungsgemäß von dem Spielprinzip der "GTA"-Reihe angesprochen. Einerseits präsentiert sich das Spiel auf einem, für DS-Verhältnisse, sehr hohem technischen Niveau und fasziniert durch eine große Spielwelt, enormer Handlungsfreiheit und einer verhältnismäßig langen Spielzeit. Andererseits ist es in diesem Spiel möglich, "heiße Karren" zu fahren, Stärke zu demonstrieren, immer mächtiger zu werden, actionreiche Auseinandersetzungen in bedrohlichen Situationen zu meistern – alles Themen, die viele Jungs als besonders reizvoll erleben und mit Attributen, wie Erwachsensein und Männlichkeit verbinden. Sie können sich außerdem von dem abgrenzen, was sie als typisch weiblich beschreiben, wie z. B. Mitgefühl zeigen. Auch die Steuerung des jugendlichen Huang mit eigener Persönlichkeit und Hintergrundgeschichte ermöglicht eine Identifikation mit dem Hauptcharakter viel eher, als würde man ein namenloses Abziehbild spielen, wie es in Teil 1 und 2 der Reihe der Fall war. Nicht zuletzt bietet ihnen "GTA – Chinatown Wars" die Möglichkeit, durch Handlungen in virtuellen Räumen auf symbolischen Ebene Gangster zu sein, Tabubrüche zu begehen, sich körperlichen Auseinandersetzungen zu stellen, gefahrlos - ohne dabei real zu Schaden zu kommen.
Die Altersfreigaben der USK stellen zwar ein wichtiger Schutz dar, damit solche gewalthaltige Spiele nur schwer auf legalem Weg in die Hände von Kindern und Jugendlichen gelangen. Doch Kids sind clever und wissen oft, wo sie sich die Spiele holen können – sei es von älteren Bekannten oder sie laden sich Spiele illegal aus dem Internet herunter. Gerade auf tragbaren Konsolen (auch Handhelds genannt) ist es für Kinder und Jugendliche außerdem nur allzu leicht, unbemerkt Produkte zu spielen, die für ihre Altersklasse nicht freigegeben sind. Falls ein Erziehungsverantwortlicher den Raum betritt, schließt man schnell den Deckel und lässt das Gerät in der Hosentasche verschwinden. Oder man spielt einfach auf dem Schulweg. Zudem werden mit den kleinen, tragbaren Konsolen selten gewaltvolle Spiele in Verbindung gebracht.


Fazit:
Abseits von den DS-typischen Tiersimulationen und Casual Games bietet "GTA – Chinatown Wars" eine sehr erwachsene und lebendige Spielwelt mit großer Handlungsfreiheit und knallharter Action. Das Spiel kennzeichnet sich durch ein Design im Comicstil und die Steuerung wurde gelungen an den Handheld angepasst. Zudem erwartet den Spieler eine interessante Story mit zahlreichen Wendungen, die langfristig dazu motivieren kann, dem Spielverlauf folgen zu wollen. Wesentlicher Spielinhalt sind kriminelle Handlungen und kämpferische Auseinandersetzungen in bedrohlichen Situationen. Vor allem aufgrund der fehlenden alternativen Handlungsoptionen zur sinnlosen Brutalität und der Möglichkeit, problematische Spielhandlungen, wie z. B. Amokläufe, durchführen zu können, ist das Spiel für Kinder und Jugendliche nicht geeignet.