Internationale Medienwerkstatt in Bonn

Radio machen mit Jugendlichen aus sechs verschiedenen Ländern mit völlig unterschiedlichen Lebensweisen, kulturellen Einflüssen und Einstellungen - Funktioniert nicht? Aber sicher doch! Unsere Praktikantin Milena hat dies am eigenen Leib erfahren dürfen.

Von Milena Remus

Durch mein zuvor absolviertes FSJ auf das Projekt aufmerksam geworden, leitete ich im August 2015 zusammen mit einer weiteren Freiwilligen in Bonn ein zweiwöchiges, internationales Workcamp für Jugendliche aus aller Welt, das sich rund um das Medium Radio drehte.

Für die Planung und Durchführung dieses Projekts waren, neben der Fachorganisation für Freiwilligendienste ijgd, vor allem die Medienwerkstatt Bonn und der Leiter von dessen Jugendredaktion Said Sumer unerlässlich. Als Medientrainer für hörfunkinteressierte Jugendliche zeigte Herr Sumer den 13 TeilnehmerInnen der Radiowerkstatt mit vielen praktischen Übungen die wichtigsten Tricks und Kniffe der Radioproduktion, diskutierte mit ihnen, was eine gute Radioreportage auszeichnet und wie das Interesse der Zuhörer geweckt und vor allem aufrechterhalten werden kann.

Aber einen Moment. Freiwilligendienste? Ijgd? Medienwerkstatt? Jetzt mal langsam – wir spulen noch einmal etwas zurück.

Das Jugendprojekt, um das es hier geht, ist eines von vielen internationalen Workcamps, welche mehrmals jährlich von der Fachorganisation für Freiwilligendienste ijgd angeboten werden. In solchen Workcamps kommen Freiwillige aus rund 70 Ländern weltweit zusammen, um aus Eigeninitiative gemeinnützige Projekte zu planen, durchzuführen und zu unterstützen. So werden unter anderem Kindergärten und Naturschutzparks, aber auch Schulen und Freizeitprojekte aufgebaut – oder aber, wie in meinem Fall, es wird gemeinsam Radio gemacht. Zugegeben, eine Radiowerkstatt ist im Rahmen der Freiwilligenprojekte ein eher unübliches Unterfangen, doch gleichzeitig zeigt die Tatsache, dass Medien ihren Weg selbst in die Freiwilligendienste Jugendlicher gefunden haben und was für ein hohen Stellenwert Medienkompetenzen und -erfahrungen im Leben nachfolgender Generationen bereits einnehmen.

Schon die Anreise und das Kennenlernen der 13 Jugendlichen aus insgesamt sieben unterschiedlichen Ländern – denn neben Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien waren auch Russland, Korea und die Türkei vertreten – gestaltete sich mit den liebevoll getauften WUP’s (Warm Up-Spielen) und Icebreaker-Games bunt und aufregend. Danach waren die Teilnehmenden des Radioworkshops nicht nur wachgerüttelt von der teilweise mehrere Tage langen Anreise mit Bus, Bahn und Flugzeug, sondern auch die Namen ihrer zukünftigen ArbeitspartnerInnen waren schnell eingeprägt.

Mit dem Arbeitsbeginn in der Medienwerkstatt Bonn wurde die ganze Sache dann natürlich ernst – wenn auch nur ein bisschen. Gemeinsam mit uns beiden Gruppenleiterinnen haben die 16- und 17-jährigen Teilnehmenden in einem großen Stuhlkreis erste Einführungen in Aufnahme- und Schnittprogramme für Tonspuren oder Interview- sowie Umfragemethoden erhalten. Angeleitet wurden wir die gesamten zwei Wochen des Radioworkshops von dem Medientrainer Said Sumer, der viele kreative Ideen für die praktische Umsetzung in unserer Radioarbeit beisteuerte und stets auf eine faire Aufgabenverteilung bedacht war. Selbstredend blieb es nämlich nicht nur bei theoretischem Input, wie etwa eine gute Reportage, ein guter Radiobeitrag oder ein gutes Interview auszusehen habe, sondern ging es schon in den ersten Tagen in Kleingruppen nach draußen auf die Straßen Bonns.
Um sogenannte Vox Pops, also zusammengeschnittene Meinungsumfragen, zu erstellen, befragten wir, bewaffnet mit Mikrophon und Aufnahmegerät, zahlreiche Passanten in der Bonner Innenstand beispielsweise rund um die Themen Stereotypen, Lieblingsorte und –städte. Gemeinsam hatten wir uns nämlich zuvor in packenden Diskussionen – „Please, stick to english!“ – auf das Thema unserer Radiosendung ‚Around the World‘ geeinigt, um möglichst breitgefächert Internationalität sowie das Leben oder die Arbeit in verschiedenen Ländern genauer unter die Lupe zu nehmen. Die eine oder andere Sprachbarriere schimmerte trotz der gemeinsam bestimmten Campsprache Englisch durch, konnte aber glücklicherweise in der Arbeitsroutine und im Laufe des selbstorganisierten Gruppenlebens nach und nach von den Teilnehmenden und auch mir selbst abgelegt werden. Da ein wesentlicher Bestandteil unseres Themenblocks auch die Situation von Flüchtlingen in Deutschland behandeln sollte, lag es an mir und meiner Co-Teamerin mit Unterstützung des ijgd-Büros geeignete Interviewpartner zu kontaktieren und für unser Radioprojekt zu gewinnen. Nach einigen versendeten Emails und liebäugelnden Telefonaten ist uns dies glücklicherweise auch kurzfristig gelungen und unsere nervösen Jugendlichen hatten bald schon Buchautoren, StudentInnen wie auch engagierte Flüchtlingshelfer als Interviewgäste in unserem Radiostudio.

Nach vielen Übungen im Aufnahmestudio, am Mischpult und natürlich auch am Schreibtisch mit Stift und Papier, ging es an das Schneiden, das Zusammenfügen der Tonspuren und das Setzen der Übergänge. Dafür mussten zahlreiche Ausschnitte von Umfragen, Interviews, Kurzreportagen und – last but not least – Musik akribisch genau bearbeitet werden. War die erste Zeit der Eingewöhnung in die digitalen Schnittprogramme auf dem Rechner erst überstanden, ging es mit der Schnittsetzung und technischen Aufgaben sehr schnell voran, was mir sowohl als Gruppenleiterin, als auch als Teilnehmerin große Freude bereitet hatte. Nach neun intensiven Arbeitstagen in der Medienwerkstatt wurden dann nur noch die letzten An- und Abmoderationen aufgenommen und bald schon konnte jeder von uns eine gebrannte CD mit unseren 15 selbstproduzierten Radioprogrammen sein Eigentum nennen.

Neben dem Arbeitsprojekt in der Radiowerkstatt ging es jedoch auch im gemeinsamen Gruppenleben und unserer Freizeit heiß her – natürlich wollen Teenager, die von weither nach Deutschland reisen auch etwas von Bonn und Umgebung sehen. Ein großräumiger Bungalow auf dem Jugendzeltplatz Bonn in Bad Godesberg wurde uns von der ijgd als Unterkunft zur Verfügung gestellt, in welchem gemeinsam gekocht, geputzt, gespielt, geschlafen und gelebt wurde. Wie es in einer Großgruppe Jugendlicher so vorkommt, gab es natürlich auch in unserem Workcamp Meinungsverschiedenheiten, organisatorische Engpässe oder den ein oder anderen Unfall. Dank einer guten Teamarbeit und vielen geschlossenen Kompromissen konnten jegliche Konflikte jedoch bald niedergelegt werden, um sich auf das Wichtigste zu konzentrieren: Unsere Freizeitgestaltung!
Natürlich mussten in den zwei viel zu kurzen Wochen zunächst die Klassiker abgehakt werden, keine Frage. Eine Stadtrallye durch Bonn? Ein Besuch im Haus der Geschichte? Eine mühsame Wanderung bis hoch auf den Drachenfels? Check, Check, Check! Eine Sightseeing-Tour durch Köln? Eine gemeinsame Dombesteigung? Check und nochmal Check! Ansonsten haben ich und meine Co-Teamerin die Jugendlichen ihre Freizeit meist sehr selbstständig gestalten lassen. Am spannendsten fand ich nicht nur, dass die Gruppe morgens, mittags und abends gemeinsam international bekannte Musikstücke spielte und mitsang, sondern auch dass (mal als Abwechslung zu den typisch deutschen Lokalen) die ESL One Cologne, also die ‚Counter Strike: Global Offensive‘ Weltmeisterschaft in der Lanxess Arena in Köln, von einigen Teilnehmenden besucht wurde. Na und da soll noch jemand behaupten, Musik oder Games würden nicht verbinden – und das sogar über Ländergrenzen hinweg!

Auch in unserer finalen großen Putzaktion, unseren letzten gemeinsamen WUP’s sowie in einer abschließenden Auswertung schimmerte durch, dass eine wirklich annehmbare Balance zwischen Arbeit- und Freizeit gehalten werden konnte – selbst wenn die Gruppenaktivität auch gerne mal in die Nacht verlegt wurde.

Das Fazit, das ich aus der zweiwöchigen Medienwerkstatt ziehe, in der ich eine Gruppe radiointeressierter junger Menschen aus allen Ecken der Welt begleitet habe, ist folgendes: Trotz eindeutig zu kurz gekommenen Schönheitsschlaf und entspannten Kaffeepäuschen, war die Leitung des internationalen Jugendworkcamps nicht nur für die TeilnehmerInnen sondern auch für mich eine positive Erfahrung und bot nicht nur (medien-)pädagogische Kompetenzförderung, sondern ebenso eine Heranführung an die Arbeit mit multikulturellen Jugendgruppen. Darüber hinaus konnte ich zum einen von köstlichen, nationalen Spezialitäten profitieren und zum anderen fremde Kulturen besser oder eher ganz neu kennenlernen. Die für mich jedoch wichtigste Erkenntnis, die mir die internationale Radiowerkstatt geliefert hat, ist diejenige, dass – ganz egal wie groß die kulturellen Differenzen einzelner Länder oder Altersunterschiede auch sein mögen – Medien uns in dieser global vernetzten Welt alle gleichermaßen angehen und verknüpfen.

Und um euch Leser abschließend noch die letzte offene Frage zu beantworten: Alle Jugendlichen haben bereits ihren Weg heil und wohlauf zurück in ihre Heimat gefunden und dürfen sich bald – mit neuen Freunden auf der ganzen Welt und dem angeeignetem Radio-Know-How in petto – auf den Beginn ihres nächsten Schuljahres freuen. Ich für meinen Teil werde während meiner Praktikumszeit hier in der Spieleratgeber-Redaktion unser Team liebend gern noch einige weitere Zeit ärgern und verabschiede mich für’s Erste. Goodbye, Au Revoir und Adiós!