Militarismus in digitalen Spielen

Der kritische Diskurs über digitale Spiele beschäftigt sich überwiegend mit den Themen „Gewalt" und „exzessives Spielen". Dabei gibt es bei genauerer Betrachtung weitere relevante Aspekte bei diesem Medium. Die Bereiche „Krieg" und „Militarismus" sind selbstverständlich nicht von der Gewaltdebatte isoliert zu betrachten, sollten sich aber mit Themen wie der Darstellung stereotyper Feindbilder, Verharmlosung von Krieg und Zerstörung sowie bestimmten Denk- und Handlungsmuster beschäftigen sowie der Frage nachgehen, ob es einen negativen Einfluss auf die Spieler gibt.

Krieg und Medien
Von Krieg und Zerstörung geht eine Bedrohung für Leib und Leben, aber auch eine gewisse Faszination aus. Dieser Zwiespalt wurde durch zeitgenössische Medien in Form von Kriegsberichterstattung öffentlich gemacht. Zunächst berichteten heimkehrende Soldaten von den Ereignissen an der Front. Später schrieben Chronisten wie der griechische Historiker Herodot die Schlacht bei den Thermopylen auf, in der der 300 Spartaner gegen die Perserarmee kämpften, und schuf so einen Heldenmythos. Die ersten Zeitungen Mitte des 16. Jhd. behandelten die Türkenkriege. Maler wie Otto Dix, Francesco Goya und Pablo Picasso gaben Krieg und Leid einen Platz auf ihren Leinwänden. Ernest Hemingway kämpfte selber im Spanischen Bürgerkrieg mit und schrieb seine Erlebnisse in seinem Roman „Wem die Stunde schlägt" auf. Kriegsfotografen wie James Nachtwey und Robert Capa verewigen bzw. verewigten ihre Erlebnisse auf Fotos. Robert Capa war sogar bei der Landung der Alliierten auf Omaha Beach dabei.

Seine (verunglückten) verwackelten Bilder inspirierten Steven Spielberg zu dem Film „Der Soldat James Ryan" (1998), in dem die Landung der Soldaten in teilweise unerträglichen Bildern gezeigt wird (nach Hartmut Gieselmann hat sogar dieser Film die Flut an Weltkriegsshootern ausgelöst). Durch die mediale Präsenz von fiktiven und realen Kriegen, besitzen also Kriege und Militär in unserem öffentlichen Bewusstsein eine relevante Position.

Krieg und Spiel
Nach dem Soziologen George Herbert Mead ist Spiel neben der Sprache ein zentrales Element der Identitätsentwicklung. Spielen macht Spaß, im Spiel lernen wir, besetzen Rollen und testen unsere Grenzen aus. Obwohl Spiel auch mit Aggression verbunden ist, sind die meisten Spiele harmlos, wenngleich es auch Spiele gibt, die einen militärischen bzw. strategischen Charakter haben. Brettspiele wie Schach, wenn auch sehr abstrakt dargestellt, zählen dazu ebenso wie das bekannte Spiel Risiko oder das einfache Schiffe versenken.

Kinder spielen gerne fangen und verstecken, spielen Räuber und Gendarm oder Cowboy und Indianer und schießen aus Spaß mit Wasserpistolen. Erste Zinnsoldaten wurden seit dem 12. Jhd. hergestellt und läuteten eine bis heute ungebrochene Faszination an Kriegsspielzeug ein. Jedoch hat sich in unserer Gesellschaft das historisch militärische Spielzeug mehr in Richtung Science-Fiction verlagert.

Folgende Feststellung kann bei Kriegsspielen, ganz gleich ob in der freien Natur, mit Spielzeugen oder mit Bildschirmspielen, getroffen werden: Es sind überwiegend Jungen und Männer, die gerne Kriegsspiele spielen. Waffen, Symbole der Macht und Stärke, sind primär männliche Attribute. Neben der zerstörerischen Wirkung weisen sie eine große Technikfaszination aus. Zudem wird der Krieg im digitalen wie auch im analogen Spiel als heldenhaftes Männlichkeitsideal erlebbar. Dies ist durchaus kritisch zu sehen.

Krieg als Videospiel
Sicherlich können Kriegsspiele einen verharmlosenden Charakter haben, da unvorstellbare Schrecken und politische Hintergründe ausgeblendet und stereotype Feindbilder entworfen werden. Aber wenn reale Kriege mit realen Toten den Krieg als Videospiel verkaufen, so ist dies weitaus bedenklicher.

Als vor fast 20 Jahren die USA den Irak angriffen, weil dieser Kuwait besetzt hatte, wurden im Fernsehen fast ausschließlich Bilder von Nachtsichtgeräten und den Kameras der Zielraketen präsentiert. Mit Hilfe zielsuchender Raketen wurde der Feind chirurgisch ausgeschaltet, war die Aussage. Die Aufnahmen der scheinbar präzise einschlagenden Raketen der Amerikaner wurden oft mit Videospielen verglichen. Auch das bei Wikileaks veröffentlichte Video eines Hubschrauberangriffs 2007 im Irak, bei dem unschuldige Menschen getötet wurden, zeigte leider wieder, das realer Krieg und Videospiele in einem Satz genannt werden. Und das darf Krieg auf keinen Fall: es muss unter allen Umständen vermieden werden, dass er mit einem Spiel verglichen und so tatsächlich verharmlost wird.

Krieg in digitalen Spielen
Bereits eines der ersten digitalen Spiele überhaupt beschäftigte sich mit dem Thema „Krieg". Im Jahre 1962 programmierte Steve Russell am MIT (Massachusetts Institute of Technology) das Spiel „Spacewar!", in dem 2 Raumschiffe gegeneinander kämpfen.

Damit war der Grundstein für eine bis heute anhaltende kritische Symbiose zwischen Krieg und Bildschirmspielen gelegt. Denn häufig haben Bildschirmspiele Krieg oder kriegerische Konflikte als Thema. Doch für ein besseres Grundverständnis ist eine weite Reise in die Vergangenheit notwendig, um zu zeigen, dass Krieg ein Bestandteil unserer Gesellschaft ist und dass nicht erst in Bildschirmspielen spielerisch geschossen wurde.

Militärische Handlungsräume kommen in Echtzeit-Strategie-Spielen, Simulationsspielen mit Kriegsfahrzeugen und selbstverständlich in Ego- oder First-Person-Shooter vor. Besonders den Ego-Shootern werden dabei eine ideologische Nähe zum Militär und das Ausleben von militärischen Strukturen nachgesagt. Daneben sind kriegerische Handlungen in Rollenspielen oder in Aufbau-Simulationsspielen wie bspw. Civilization zu finden, sie sind aber bei weitem nicht so ausgeprägt.

Besonders im Kampf gegen durch Mitspieler gesteuerte Gegner entfalten diese Spiele einen ganz besonderen Reiz, da vor allem der Wettbewerb und der gemeinsame Spielspaß im Vordergrund stehen. Obwohl militärische Strukturen offensichtlich sind, werden Aspekte wie politische Hintergründe, eigenes oder fremdes Leid ausgeblendet. Der Krieg wird somit verharmlost. Mag das bei fiktiven Spielen unbedenklich sein, können realistische Spiele durchaus die Einstellung zum Militär und zum nachgespielten Krieg begünstigen.

Das Genre der Ego-Shooter verstärkt auf den ersten Blick diese These. Besonders der Umstand, dass die US-Armee First-Person-Shooter zur Ausbildung von Rekruten benutzt, legt den Schluss nahe, hier könne das Töten erlernt werden. Aber auch hier gibt es gegensätzliche Meinungen. Das Computersimulationen beim Militär (auch aus finanziellen Gründen) eingesetzt werden, steht außer Frage. Zwar wird virtuell geschossen, aber die Soldaten sollen in erster Linie das Gebiet kennenlernen und Gruppentaktiken einüben. Eine Training an einer echten Waffe oder reale Gefechtssituationen können diese Programme nicht ersetzen.

Da jedoch solche Videospiele bei männlichen Jugendlichen hoch im Kurs stehen, benutzt die US-Armee diese gezielt zur Truppenwerbung und hat hierzu sogar einen eigenen Kriegs-Shooter „Americas Army" als Teil ihrer Öffentlichkeitsarbeit herausgebracht. Auf der Spielemesse E3 in Los Angeles hat die US-Armee zudem traditionell eine große Präsenz mit Panzern und Hubschraubern und lassen die Besucher sogar realistische Waffen in die Hand nehmen, was natürlich besonders fasziniert. Auch die Bundeswehr ist mit einem Stand auf der deutschen Viedeospielmessse gamescom in Köln vertreten, um Jugendliche zu informieren. Kritisch zu betrachten ist die enge Zusammenarbeit einiger Hersteller mit dem Militär. Wie auch beim Film arbeiten militärische Berater bei der Entwicklung mit, um das Spiel so realistisch wie möglich umzusetzen. Dass aber damit gezielt geworben wird, zeigt nur, dass die Hersteller von der Verkaufswirksamkeit dieser Informationen überzeugt sind.

Kriegsspiele werden oft und gerne gespielt, aber an einem echten Krieg teilnehmen, darauf verspüren die wenigsten Spieler Lust. Und das ist gut so!

Teile dieses Artikels entstammen der EU-Initiative klicksafe und wurden in Kooperation mit dem Spieleratgeber-NRW erstellt.