Saboteur

Genre
Action-Adventure
USK
keine Jugendfreigabe (?)
Pädagogisch
ab 18 Jahre
Vertrieb
Electronics Arts
Erscheinungsjahr
2009.12
Systeme
PC, Playstation 3, Xbox 360
System im Test
Playstation 3
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Interessantes Open-World Spiel, das leider technisch hinterherhinkt
Autor
Kadir Yilanci
Einzeltest
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Ach wie schön ist Paris! Die Stadt der Liebe. Ich sitze gerade im Pariser Amüsierclub 'Die Schönheit der Nacht' (auf französisch hört es sich erfahrungsgemäß um lääängen besser an: La Belle de la Nuit) und fast nackte Schönheiten tanzen auf der Bühne, während ich meinen Pastis genieße. Ach wie schön ist Frankreich! Plötzlich werde ich von der Seite von einem zwielichtigen Herren angequatscht. Nach seinem Akzent zu urteilen ist der Mann Franzose und scheint eine grundlegende Aversion gegen Deutsche zu haben. Das kann ich allerdings sehr gut nachvollziehen, denn das Land ist gerade von den Nazis besetzt. Er versucht mich für den beginnenden Widerstand einzuspannen. Da ich mit den Nazis, zumindest mit einem Gewissen Kurt Dierker einen eigenen Coq au Vin zu rupfen habe, nehme ich den ersten Auftrag, ein Treibstofflager der Wehrmacht in die Luft zu jagen, dankend an.

Pädagogische Beurteilung:
Grand Theft Auto Paris?
Ja in der Tat ähnelt das Spiel der „Grand Theft Auto“-Serie, einem sogenannten Open-World Spiel. So werden Action-Adventure bezeichnet, die über eine riesige, frei begeh- und befahrbare Stadt verfügen, in der der Spieler nach Lust und Laune mal den Story-Missionen folgt, oder unzählige Nebenaufträge ausführt oder nur einfach so zum Spass durch die Stadt cruist und sich von toller Mukke aus dem Autoradio berieseln lässt. Neben dem grandiosem „GTA IV“ (2008) (Test GTA IV), sind da noch die Spiele „Mafia 2“ (2010) (http://spieleratgeber-nrw.de/?siteid=2993) und natürlich „Red Dead Redemption“ (2010) (Test Red Dead Redemption) zu nennen, das vor allem mit der toll inszenierten Geschichte und dem unverbrauchten Western-Setting Spieler und Presse weltweit zu begeistern vermochte. Das Setting von „Saboteur“ ist zwar das lange durchgenudelte 2.-Weltkriegs-Szenario (zu) vieler First-Person-Shooter, jedoch wird bei diesem Spiel schon alleine aufgrund seines Spielprinzips ein anderer Blickwinkel auf den Weltkrieg gelegt. Zwar wird und muss oft auch geballert werden, aber die Aufträge sind variantenreicher und nicht selten ist ein geräuschloses Vorgehen empfehlenswert, was Spannung in die Geschichte von Sean Devlin bringt, der sich der französischen Résistance anschließt.
Über den Dächern von Paris
Wie schon erwähnt ist unser irischer Held nicht auf einer Sightseeing Tour in der französischen Hauptstadt, sondern ist auf der Suche nach dem Mörder seines besten Freundes, den ein gewisser Kurt Dierker auf dem Gewissen hat. In einem Prolog wird erzählt, dass Sean Devlin in seinem früheren Leben Auto-Mechaniker und Rennfahrer gewesen ist. Und nun ist er Widerstandskämpfer und als solcher hat er in der von Nazis besetzten Stadt einiges zu erledigen. Genretypisch beginnt das Spiel mit kleineren Botengängen, die dazu dienen in die Steuerung einzuführen. Die ist natürlich recht komplex, da alle Tasten auf dem Gamepad belegt sind. Für erfahrene Videospieler stellt dies kein Problem dar, aber Anfänger benötigen Geduld und Ausdauer, um das Bedienschema zu verinnerlichen. Die Aufträge werden mit der Zeit komplexer und anspruchsvoller. Gegner müssen beschattet und ausgeschaltet werden, Bombenanschläge werden verübt, Geiseln befreit und zahlreiche weitere Gefälligkeiten spülen Geld in die Widerstandsschatulle, mit dem neue Waffen und passende Munition gekauft werden können. Nach und nach werden besondere Fähigkeiten freigeschaltet. Nach und nach nähert sich unser Ire so auch seinem Erzfeind Kurt Dierker. Übrigens wurde die virtuelle Figur Sean Devlin einer realen Person entlehnt. William Grover-Williams war Mechaniker, Rennfahrer und als Agent der Britischen Regierung unterstütze er die französische Wiederstandbewegung. 1943 wurde er von der SS verhaftet und 1945 in Sachsenhausen hingerichtet (Artikel auf Wikipedia, Stand: 06. 09. 2011).
Genretypisch fährt Protagonist Sean Devlin zu seinen Aufträgen, die auch manchmal ausserhalb Paris liegen können. Natürlich mit Stil in alten Oldtimern. Glücklicherweise scheint Propagandaminister Goebbels vergessen zu haben, die französischen Medien gleichzuschalten. So tönen aus dem Radio zahlreiche Jazz- und Swingklassiker aus den 1940er Jahren, auch wenn Nina Simone während der Besetzung Frankreichs erst sechs Jahre alt gewesen ist! Leider können die Lieder in den Fahrzeugen nicht durchgeschaltet werden, so dass der Spieler auf den Zufall angewiesen ist, welches Lied als nächstes durch den Äther gesendet wird. Nebenbei ertönen natürlich aus den zahlreichen in der Stadt aufgestellten Lautsprechern Propagandageschwätz der Besatzer über Kriegserfolge. Glücklicherweise kann man dem mit einer Stange Dynamit eine Ruhepause gönnen.
Das Auto selber hat in „Saboteur“ einen weniger wichtigen Stellenwert im Spiel im Vergleich zu „GTA 4“. Natürlich dient es als beste Möglichkeit den Verfolgern zu entfliehen oder in die Nähe des Auftrages zu gelangen, aber meistens ist es notwendig das Zielgebiet per pedes und per klettern erst auszukundschaften. Dazu haben die Entwickler der Pandemic Studios die zahlreichen Klettereinlagen aus den Serien „Assasins Creed“ (2011) (Test Assasins Creed) und „Uncharted“ (2009) (Test Uncharted) als Vorbild genommen und in das Spiel integriert. Fast jedes Gebäude (auch der Eiffel-Turm) in Paris ist zu erklimmen, was auch notwendig ist, um die starke Bewachung der Zielobjekte zu umgehen. Oft ist es hilfreich und notwendig die Uniform eines deutschen Soldaten überzustreifen, um nicht entdeckt zu werden. Doch Vorsicht, die Geheimpolizei lässt sich nicht einfach täuschen und ist aufmerksamer als einfache Fusssoldaten.

Die Sündige Stadt
Saboteur ist nicht nur ein Open-World Spiel, sondern streng genommen ein Open-World Film. Zu der Filmatmosphäre tragen zunächst einige gelungene Charaktere sowie vor allem die Dialoge zwischen den digitalen Figuren bei. Hier haben sich die Autoren Mühe gegeben, Witz und Tiefe einzubauen und dafür gesorgt, dass der Spieler eine emotionale Bindung mit der gespielten Figur aufbaut. Die ist zwar nicht so ausgeprägt wie bei „Uncharted 2“ (2009) oder gar „Heavy Rain“ (2010) (Test Heavy Rain), dafür trüben einige technische Unzulänglichkeiten das Gesamtbild doch recht stark. Denn Mimik, Gestik und Bewegung der Figuren wirken abgehackt und sind weniger gelungen, die Dialoge sind nicht lippensynchron, aber es macht dennoch Spaß diesen zuzuhören. Leider besitzen die USK-Versionen keine englische Tonspur, das man als Vergleich für Lippensynchronität, Qualität der Stimmen und Dialoge heranziehen könnte, aber die deutschen Stimmen wissen zu gefallen. Nur der übertriebene französische Akzent bei vielen Figuren wirkt auf Dauer unfreiwillig komisch. Dabei hat Quentin Tarantino mit „Inglourious Basterds“ (2009) längst gezeigt, dass unterschiedliche Sprachen im Film ohne Synchronisation sehr gut funktionieren können. Aber Videospiele stecken leider immer noch in den Kinderschuhen.
Daneben gibt es zahlreiche Filmzitate, die „Saboteur“ geschickt nutzt, um auf filmische Vorbilder zu referenzieren. Aufmerksame Spieler finden Anspielungen auf „Der dritte Mann“ (1949), Armee im Schatten (1969) sowie selbstverständlich der Klassiker „Casablanca“ (1942). Als besonderes Flair haben sich die Entwickler einer Technik, die Genial in dem Comic oder Film „Sin City“ (2005) verwendet wurde, bedient. Das Spiel ist grösstenteils in Schwarz-Weiss inszeniert. Nur Lampenlicht und Blut erscheinen gelb bzw. rot. Wenn es aber dem Spieler gelingt, Aufträge erfolgreich durchzuführen, verfärbt sich das relevante Stadtteil und mit der Farbe kommt das Leben zurück und der Einfluss der Besatzer wird geringer. Später im Spiel kann der Spieler sogar Hilfe von anderen Widerstandskämpfern anfordern, die ihn bei seinen Attentaten unterstützen.

Das Laster mit dem Kreuz
Wie üblich bei Videospielen, die im 2. Weltkrieg angesiedelt sind, wurden Hakenkreuze, sogenannte Swastika mit einem weniger verfänglichen Kreuz ausgetauscht. Was in Filmen oder Zeitdokumenten ohne Probleme darzustellen ist, kommt bei dem Versuch Hakenkreuze in Videospielen zu verwenden sofort mit dem deutschen Gesetz in Konflikt. Denn nach Strafgesetzbuch § 86, Absatz 3 dürfen diese Symbole nur in Wissenschaft, Lehre oder der Kunst verwendet werden. In dem erwähnten Film „Inglourious Basterds“ (2009) tauchen daher nicht nur Hakenkreuze auf, sondern sogar die gesamte NSDAP Führungsriege. Film ist aber nunmal Kunst und damit Kulturgut. Zwar wurden 2008 vom Deutschen Kulturrat Videospiele offiziell als Kulturgut anerkannt, aber bisher tut man sich in Deutschland mit der Verwendung des Zeichens in Videospielen schwer. In Foren wünschen sich viele Spieler endlich eine unverkrampftere Haltung bezüglich der Verwendung von Hakenkreuzen in Videospielen. Insbesondere wenn es um Spiele geht, die für Erwachsene vorgesehen und freigegeben sind. Schon vor vier Jahren wurde vom Online-Magazin 4players.de (Artikel auf 4players, Stand: 11.09.2001) in einer Kolumne die Problematik aus der Spielerperspektive glossiert.
In „Saboteur“ wurden allerdings nicht nur Hakenkreuze ersetzt. Auch Begriffe wie SS, Führer, Gestapo, Wehrmacht wurden bzw. mussten mit weniger verfänglichen Begriffen ausgetauscht werden. Ebenso wurde eine Rede von Hitler gelöscht. Der Gewaltgrad des Titels liegt auf dem Niveau von aktuellen Action-Filmen. Aufgrund der Thematik und dem Setting ist das Spiel für Kinder und Jugendliche nicht geeignet und hat zurecht eine Altersfreigabe ab 18 Jahren erhalten.

Das Laster mit der Technik
Leider hat man an vielen Stellen den Eindruck, dass die Entwickler das Spiel technisch überschätzt haben. Das fängt mit Kleinigkeiten wie Ruckeln und unschönen Texturen an, das Klettern ist spannungslos zu einfach geraten und spätestens bei den Lippen- und Körperbewegungen der digitalen Figuren ist das Spiel nicht mehr zeitgemäß. Zudem haben die Gegner die künstliche Intelligenz nicht gerade mit Löffeln gegessen, worunter die etwas Atmosphäre leidet. Auch bleiben Autoklau und das Überfahren von Parisern ungesühnt. Hier hätten die Entwickler den Mut haben sollen eine Gut-Böse-Thematik einzubauen, oder Fehlverhalten besser zu bestrafen. Und selbstverständlich haben es sich die Spiele-Designer nicht nehmen lassen, die deutschen Figuren hoffnungslos zu Überzeichnen. Ein blond-blauäugig-archetypisch-arisch-böser Kurt Dierker, der zudem von einer SS-Lederdomina begleitet wird, muss nun wirklich nicht sein und wirkt nur extrem lächerlich. Dabei haben zahlreiche Filme wie bspw. „Stirb Langsam“ (1988) und „Sieben“ (1995) gezeigt, dass normale gezeichnete und charismatische Gegner weitaus bedrohlicher wirken können. An diesem Ansatz haben sich auch die Entwickler des Videospiel-Films „Heavy Rain“ (2009) gehalten, aber prinzipiell werden Helden und und vor allem Schurken in Videospielen hoffnungslos überzeichnet. Schade!

Fazit:
„Saboteur“ ist ein spannendes Spiel und kann viel Spaß bereiten, wenn die Spieler über die technischen Probleme hinweg sehen. Das 2. Weltkriegs-Setting bietet, abseits der Weltkriegsshooter, neue Impulse, indem es erstmals in einem Open-World-Spiel verwendet wird. Die Dialoge sind lustig und der Held ist sympathisch, aber sein hehres Ziel die Nazi-Besatzung in Paris zu bekämpfen, ist nur für die Augen und den Verstand von Erwachsenen vorgesehen.