Ikariam

Genre
Onlinespiele
USK
nicht USK geprüft (?)
Pädagogisch
ab 14 Jahre
Vertrieb
Gameforge
Erscheinungsjahr
2008.02
Systeme
PC, Mac, iOS, Android, Linux
System im Test
PC
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Ausgefeiltes Aufbaustrategie-Spiel
Gruppenleiter
Benjamin Karalic
Ü12 Lise-Meitner-Gesamtschule
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Gewinner des deutschen Computerspielpreises 2009 und Nominierung für den deutschen Entwicklerpreis 2008, mehr als zwei Millionen angemeldete Nutzer, von denen durchschnittlich sogar über die Hälfte jeden Tag online sind - die Rede ist von "Ikariam", einem Browsergame, das nicht nur preisgekrönt und immens erfolgreich ist, sondern von unseren Spieletestern (Alter 12-13) auch privat mit wachsender Begeisterung gespielt wird.

Die virtuelle Antike. Eine kleine Insel irgendwo im sonnigen Mittelmeer. An einem unbebauten Küstenstreifen beginnt die Entwicklung einer neuen Hochkultur. "Ikariam" ist ein klassisches Aufbaustrategiespiel im Stile von "Die Siedler", "Anno 1701" oder vergleichbaren Titeln. Ziel des Spiels ist es, das brach liegende Startareal in eine blühende Metropole zu verwandeln. Dafür stehen dem Spieler fünf Rohstoffe (Baumaterial, Wein, Marmor, Kristallglas und Schwefel) zur Verfügung. Abbau und Veredelung dieser Rohstoffe, sind die wichtigsten Voraussetzungen, um die Entwicklung der eigenen Zivilisation voran zu treiben. Und schon nach kurzer Zeit kann der Spieler beginnen, den genreüblichen Entwicklungsbaum mit dem Bau der ersten Gebäude abzuarbeiten. Zur Auswahl stehen der Handelshafen, welcher den Bau von Schiffen und somit den Austausch mit Spielern auf anderen Inseln ermöglicht, die Kaserne, in der die Streitkräfte ausgebildet werden und nicht zuletzt die Akademie. Diese gehört zu den wichtigsten Gebäuden von Ikariams Zivilisationsmodell, da sie allein für den Fortschritt zuständig ist. Nur durch die hier erforschbaren Technologien können später andere Gebäude und Einheiten freigeschaltet sowie zahlreiche marktwirtschaftliche Attribute des eigenen Reiches verbessert werden. 
 
Soweit ähnelt das Spiel den bereits genannten Einzelspielervariationen des Themas. Doch um langfristig vorwärts zu kommen, müssen die bis zu 16 Spieler, welche auf einer Insel siedeln können, zusammen arbeiten. Dabei sind die Möglichkeiten der Interaktion sehr vielfältig. So wird z.B. der inselinterne Ausbau über ein gemeinsames Holzdepot organisiert. Allerdings wird sich ein Großteil der Kommunikation zwischen den Spielern auf einer Insel um die Welt jenseits der eigenen Strände drehen. Dort gilt es, die Städte der Gegner mit seinen Soldaten anzugreifen, Ressourcen zu stehlen, oder gegnerische Häfen mit seinen Schiffen zu blockieren und Handelsflotten abzufangen. Friedlichere Allianzen hingegen konzentrieren sich lieber auf den Handel. Da auf jeder Insel immer nur einer der vier Luxusrohstoffe Marmor, Kristallglas, Schwefel und Wein produziert werden kann, werden geschickte Spieler hier relativ zügig ein weit reichendes Geflecht von Handelsbeziehungen aufbauen. Die Preise folgen dabei streng dem Prinzip von Angebot und Nachfrage – die Spieler entscheiden selbst, wie viel sie verlangen. Doch auch abseits der gängigen Bereiche wie Handel und Kriegsführung spielt die Diplomatie in "Ikariam" eine wichtige Rolle. So ist es z.B. durch ein Abkommen mit einem anderen Herrscher möglich, die eigene Bevölkerung mit Ausstellungen fremder Kulturgüter zu erfreuen.

Es gibt also viel zu tun. Doch anders als in vergleichbaren Offline-Aufbaustrategiespielen, wird in "Ikariam" keinerlei zeitliche Begrenzung gesetzt. Man kann weder die Welt- bzw. Vorherrschaft erringen, noch das Ende einer Epoche erspielen. Das Spiel und die Spielzeit sind auf einen potentiell endlosen Verlauf ohne ein definiertes Endziel ausgelegt. 

Bevor man allerdings in die Welt von "Ikariam" eintreten kann, muss man sich zunächst registrieren. Die Anmeldung erfordert Spielername, E-Mail Adresse und ein Passwort zum Log-in. Das Spiel ist in insgesamt acht Sprachen verfügbar (inkl. deutsch). Die Anmeldung bei "Ikariam" ist kostenlos. Es lassen sich aber Spielvorteile über einen kostenpflichtigen Premium-Account freischalten.

Pädagogische Beurteilung:
Schon bei der Einrichtung des Spielaccounts stellt man fest, dass der Vertreiber von "Ikariam" (Gameforge) offensichtlich keinen Wert auf Alterskontrolle legt. Durch den einfachen Start über die Browseroberfläche (Internet Explorer, Mozilla, Opera, etc.) können theoretisch auch jüngere Kinder - die entsprechenden Computerkenntnisse vorausgesetzt - das Spiel starten. Das erscheint auf den ersten Blick nicht problematisch, da "Ikariam" keine klassisch jugendgefährdenden Inhalte birgt. Außerdem geben verschiedene Spieleportale an, dass das Spiel von der USK mit einer Altersfreigabe ab 6 Jahren bedacht wurde (hier sei allerdings angemerkt, dass "Ikariam" in der offiziellen Datenbank der USK nicht eingetragen ist). Doch die Überprüfung auf Darstellung von sexuellen Inhalten und Gewalt, sowie deren Emotionalisierung, reicht in manchen Fällen nicht aus, um die jugendgefährdenden Aspekte eines Titels einschätzen zu können. Gerade am Fall "Ikariam" wird deutlich, dass in Zeiten, in denen das regelmäßige Computerspielen die Symptome einer Suchterkrankung aufweisen kann, das bisherige Einstufungssystem der USK überdacht oder zumindest entsprechend ergänzt werden sollte. Doch dazu später mehr. Ein Jugendlicher (12) in unserer Gruppe gab zumindest an, dass er in Erklärungsnot geriet, als er seinen Eltern gegenüber zeigen sollte, ab wie vielen Jahren das Spiel denn nun freigegeben sei. Auf der Spielseite selbst gibt es dazu nämlich keinerlei Hinweise. Erst eine umständliche Google Suche führte zum Ergebnis. Hier besteht eindeutig Nachholbedarf. Da aber eine gesetzliche Regelung nur schwer umsetzbar und wenig praktikabel scheint, sollten die Hersteller von Browsergames und Onlinespielen es als Qualitäts- und Gütesiegel betrachten, das USK-Siegel oder eine vergleichbare Altersempfehlung auf der Startseite zu präsentieren. Das hätte im genannten Fall die Kommunikation zwischen Eltern und Kind erheblich erleichtert.

"Ikariam" selbst präsentiert sich als gut durchdachtes, schnell zu erlernendes Aufbaustrategiespiel. Ein Tutorial ist zwar nicht vorhanden und einige Abläufe, z.B. wie man zu Holz kommt, erfordern beim Anfänger schon etwas Recherche. Doch wer sich am Anfang des Spiels überfordert fühlt, kann auf die umfangreiche Onlinehilfe zurückgreifen. In unserer Gruppe war diese allerdings nicht von Nöten, da die erfahrenen "Ikariam"-Spieler den Neulingen mit Rat und Tat zur Seite standen. Und da die Verbreitung des Spiels fast ausschließlich über persönliche Empfehlung funktioniert, gibt es in der Regel immer jemanden der einen bei den ersten Schritten begleitet. 

Die Steuerung mit der Maus ist intuitiv, die Menüs gestalten sich übersichtlich. In dieser Hinsicht unterstützt die schlichte, aber liebevolle Grafik den funktionalen Charakter der Bedienungsoberfläche und wurde von der Gruppe durchweg positiv bewertet. Überraschend war, dass die Gruppe das Fehlen jeglicher Sound- oder Musikuntermalung nicht im Geringsten gestört hat. "Zuhause höre ich dazu sowieso meine Musik", kommentierte ein Tester (12), auf welche Weise sich "Ikariam" auch in dieser Hinsicht vom klassischen Zocken abgrenzt. "Ikariam" wird nämlich immer auch irgendwie "nebenher" gespielt. Denn dadurch, dass es im Browserfenster abläuft, liegen verwandte Aktionen wie Surfen oder Emails abrufen sprichwörtlich zum Greifen nahe. 

Im Gegensatz zu actionbetonten Konsolenspielen, die einen Großteil der heimischen Spielzeit in unserer Testergruppe in Anspruch nehmen, wird bei "Ikariam" nicht auf Geschicklichkeit, sondern Geduld und überlegtes Handeln gesetzt. Dies wird noch verstärkt durch die extrem langen Handlungsleerläufe. So dauert es z.B. zwanzig Echtzeit-Minuten bis eine Stadtmauer oder ähnlich einfache Gebäude fertig gestellt werden. In der Zwischenzeit kann der Spieler nichts anderes bauen, sondern muss warten. Ein Tester, der "Ikariam" auch privat spielt, berichtet, dass es zwei Monate gedauert hat, bis er eine zweite Stadt gründen konnte. Das klingt zunächst extrem anstrengend und vielleicht sogar langweilig. Besonders im Vergleich zu Offline-Strategie-Spielen, in denen man die gleiche Entwicklungsarbeit innerhalb weniger Stunden leistet. Doch die wachsende Begeisterung und Engelsgeduld, mit der unsere Spieler (12-13) ans Werk gingen, beweist das Gegenteil. Stück für Stück gewinnt das Spiel an Komplexität und offenbart nach jedem Zwischenschritt neue Handlungsmöglichkeiten. Stolz präsentierte einer unserer Tester (12) seinen Spielstand "Das ist meine Stadt. Vor vier Monaten waren da nur zwei Häuser." 

"Ikariam" fordert den Spieler nicht durch immer neue Aufgabenstellungen, Zeitdruck oder gar eine fesselnde Hintergrundgeschichte – die gibt es hier nämlich gar nicht - , sondern motiviert indirekt über sekundäre Spielanforderungen. Während der Spieler wartet, hat er ausgiebig Gelegenheit, sein weiteres Vorgehen zu planen und dieses mit den anderen Mitgliedern seiner Allianz bzw. den anderen Inselbewohnern zu diskutieren. Auf diese Weise überlassen die Spieldesigner einen Großteil der Spielzeitgestaltung dem Nutzer. Ein Vergleich zur Interaktivität des Web 2.0 bietet sich dabei durchaus an. 

In unserer Gruppe herrschte rege Kommunikation und Bewegung. Die Tester verließen oft ihren Platz und verbrachten ebenso viel Zeit an den PCs ihrer Mitspieler; um Ratschläge zu erteilen oder eine gemeinsame Aktionen zu planen. Doch die Kommunikation erstreckte sich noch weit über die Grenzen unseres Raumes hinaus. "Das ist ein Freund aus Hannover. Wir überlegen gerade, ob wir heute Nachmittag die Stadt hier plündern wollen. Aber wir brauchen noch mehr Verbündete.", erklärte ein Tester (13) den langen Dialog im spieleigenen Chatfenster. "Naja, wenn es mal schnell gehen muss, ruf ich ihn einfach an.", fügte er grinsend hinzu.

Die entscheidende Stärke von "Ikariam" birgt auch gleichzeitig die größte Jugendgefährdung. Wie bei anderen Onlinespielen liegt der Reiz darin, in einer virtuellen Welt mit Freunden und anonymen Mitspielern zu interagieren. Es geht darum, Kräfte zu messen, sich einer "Bande" anzuschließen und dort Anerkennung und Schutz zu erfahren. Solche Bindungen bringen oft eine emotionale Abhängigkeit mit sich. Diese ist im Falle eines Computerspiels allerdings an den Rechner geknüpft. Um in der Gemeinschaft zu bestehen, wird der/die Jugendliche dazu ermuntert, möglichst viel Zeit vor dem Spiel zu verbringen. Sämtliche Portale des Anbieters (Foren, Highscores,etc.) zielen darauf ab, den Spieler an "Ikariam" zu binden. Gerade jüngeren Spielern wird es deshalb schwer fallen, der Versuchung und dem potentiellen Gruppendruck zu widerstehen. Nicht zu spielen gleicht einem Ausgeschlossensein. Denn sicher sein, ob die "Anderen" nicht doch gerade online sind und sich gerade einen Vorteil verschaffen, kann der/die Jugendliche nie.

Eine weitere Gefahr stellen die käuflichen Vorteile in Form des so genannten Premium-Accounts dar. Es ist zu bedauern, dass die Entwickler eine solche Art der Finanzierung gewählt haben. Gerade Kinder und Jugendliche sind gefährdet, diese unnütze und spieltechnisch unfaire Erweiterung in Anspruch zu nehmen und womöglich die Bezahlportale (Paypal, Kreditkarte, etc.) ihrer Eltern dafür zu missbrauchen. Werbebanner, die dann über einen Premium-Account abgeschaltet werden können, sind zwar nicht unproblematisch, erscheinen aber als die pädagogisch sinnvollere Lösung. Da scheint es schon fast zynisch, dass der Vertreiber Gameforge in seinem Impressum auf einen Anwalt als Jugendschutzbeauftragten hinweist.

Eine Möglichkeit von Elternseite auf die Risiken von Onlinespielen zu reagieren, stellt die Regulierung der Spielzeit dar. Zum Beispiel über ein Wochenkonto mit einer festen Stundenzahl, die die Jugendlichen dann "abzocken" können.
Was gegen die Regulierung über ein einfaches Verbot spricht, ist die permanente Verfügbarkeit des Spiels. Die Jugendlichen haben zu jeder Zeit über jeden beliebigen Internetzugang die Möglichkeit, in das Spiel einzusteigen. Ein Verbot zuhause führt dann im Einzelfall nur dazu, dass sich das Kind einfach einen anderen Spielort sucht (Bibliothek, Internet-Cafe, Freunde, etc.). Alternativ ist allerdings auch ein Modell denkbar, in dem man den Jugendlichen einen zusätzlichen Anreiz bietet, nur zu bestimmten Zeiten zu spielen. In der Spieletestergruppe hat sich gezeigt, dass "Ikariam" wunderbar in größeren Runden funktioniert. Deshalb würde es sich anbieten, dass sich die Jugendlichen in "Ikariam AGs" an Schulen oder in Jugendzentren organisieren. So kann einerseits die Spielzeit übersichtlich gehalten werden, zum anderen kommen die kommunikativen Aspekte des Spiels voll zum Tragen.

Fazit:
"Ikariam" ist ein ausgezeichnetes Aufbaustrategiespiel, das durch seine große Gemeinschaft nicht nur die strategisch-kombinatorischen, sondern vor allem die "diplomatischen" Fähigkeiten der jugendlichen Spieler schult. Leider kann es gerade aufgrund dieser Gruppenmechanismen zu verstärkten Suchterscheinungen bei Spielern mit geringer sozialer Anbindung kommen. Deshalb empfehlen wir das Spiel erst für Jugendliche ab 12 Jahren. Dies allerdings nur unter der Vorraussetzung, dass die Spielzeiten von den Eltern reglementiert werden (können). Andernfalls sollte das Spiel erst von selbstständigen Jugendlichen ab 14 Jahren gespielt werden.

Beurteilung der Spieletester zuklappen
Spieletester
Ü12 Lise-Meitner-Gesamtschule
Köln
Bewertung Spielspass