Rag Doll Kung Fu: Fists of Plastic

Genre
Beat 'em Up
USK
nicht USK geprüft (?)
Pädagogisch
ab 6 Jahre
Vertrieb
Sony (Playstation Store)
Erscheinungsjahr
2009.04
Systeme
Playstation 3
System im Test
Playstation 3
Kurzbewertung
Innovatives Kampfspiel für zwischendurch.
Gruppenleiter
Benjamin Karalic
Ü12 Lise-Meitner-Gesamtschule
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4
Siehe auch

Spielbeschreibung:
Plattformen, sowie der hüpfende Umgang mit denselben, sind normalerweise dem Jump & Run-Genre vorbehalten. Im Falle von "Rag Doll Kung Fu: Fists of Plastic" (im Folgenden nur "Fists of Plastic" genannt") könnte ein Blick auf den falschen Screenshot tatsächlich dazu führen, dass man das Spiel für eine fernöstliche Variante von "Little Big Planet" hält. Doch abseits von maximal vier hüpfenden Protagonisten, einer kindgerechten Optik und Entwicklerkoryphäe Mark Healey haben die beiden Spiele herzlich wenig gemein. Denn "Fists of Plastic" wird seinem Titel gerecht und entpuppt sich als geradliniges Prügelspiel bzw. Beat em Up. Das bedeutet: Zwei oder mehr Spieler steuern realistisch oder comichaft dargestellte Figuren, die sich mittels asiatisch angehauchter Kampfsporttechniken bekämpfen.
Der eingangs erwähnte Mark Healey ist dann allerdings dafür verantwortlich, dass es doch nicht so klassisch zugeht, wie man es vielleicht von einer digitalen Klopperei erwarten würde. Die Geschichte von "Fists of Plastic" beginnt aber schon 2005, als Healey den minimalistischen Vorgänger "Rag Doll Kung Fu" für PC herausbringt. Der wird zwar kein Kassenschlager, ist aber immerhin ein Achtungserfolg unter Spielekennern. Der Ruhm gründet sich einzig und allein auf ein Novum, der ausgetüftelten Steuerung. Denn bei "Rag Doll Kung Fu" wird zum ersten Mal in der Geschichte des Prügelspiels nur mit der Maus gesteuert. Da der Plastiknager aber nicht zum standardmäßigen Repertoire der Playstation gehört, musste man sich für die Konsolenversion etwas Neues einfallen lassen. In dieser Hinsicht kam den Entwicklern der Bewegungssensor der Playstation-3-Controller, die sogenannte "Sixaxis"-Steuerung, sehr entgegen. Viele Angriffskombinationen lassen sich nämlich beim neuen "Fists of Plastic" nur durch kreatives Controllerschütteln auslösen.
Das eigentliche Spielkonzept der Puppenschlacht ist jedoch nicht wirklich neu. Hier zeigt "Fists of Plastic" deutliche Ähnlichkeiten zu anderen Party-Beat em Ups wie z.B. "Super Smash Bros." Man prügelt sich mit bis zu drei menschlichen Mitspielern in kleinen Arenen, bis je nach Match-Art die Energieleiste oder die Zeit abgelaufen ist. Auf einen Story-Modus wurde in "Fists of Plastic" konsequenterweise verzichtet. Dafür gibt es zahlreiche Mehrspielermodi mit aussagekräftigen Namen wie "Deathmatch", "King of the Hill", "Völkerball" oder "Fang den Fisch". Bei Letzterem geht es z.B. darum, den anderen Spielern fuß- und fäusteschwingend einen Fisch abzuluchsen und diesen in bester Basketballmanier in einen (Fisch-)Korb zu befördern. 
Trotz seiner acht Arenen, einer stattlichen Zahl von Puppencharakteren, einem Figuren-Editor, Bot-gesteuerten Kontrahenten und einem Herausforderungsmodus für Solospieler wirkt der Umfang von "Fists of Plastic" begrenzt und würde den üblichen Preis von 50€-70€ für ein Playstation 3-Spiel nicht rechtfertigen. Doch gerade in dieser Hinsicht hat dieser Titel ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis, da es kein Vollpreisspiel ist, sondern im Playstation Store (und nur dort) für einen vergleichsweise moderaten Preis von knapp 10€ herunter geladen werden kann.

Pädagogische Beurteilung:
Ausgehend von der Eingangsbeobachtung, dass "Fists of Plastic" in Sachen Look und Atmosphäre mit einem Jump & Run für Kinder verwechselt werden kann, erübrigen sich schon im Vorfeld viele der pädagogischen Bedenken, gegen die Prügelspiele allgemeinhin zu "kämpfen" haben. Eine Identifikation oder gar Glorifizierung von übermäßig maskulinen Gewalttätern findet hier z.B. nicht statt. Dafür sind die ungelenken Puppenwesen zum einen viel zu weit von der Realität entfernt, zum anderen aber auch nicht ansatzweise so "cool" wie die haarsträubenden Monster, die andere Genrevertreter bevölkern. "Das sieht ja aus wie "Super Mario Kombat"." scherzte einer unserer Tester (13). 

Doch obwohl ihnen die kindliche Atmosphäre und der selbstironische Ansatz – bei "Fists of Plastic" werden die gängigen Prügelspielklischees durch den Kakao gezogen – den Einstieg in die Spielwelt eher erschwerten, fanden unsere Spieler nach einiger Zeit doch noch Vergnügen an der etwas chaotischen Puppenprügelei. Besonders da sie zu viert gleichzeitig an einer Konsole spielen konnten. Da wir zum Testzeitpunkt einen Beamer zur Verfügung hatten, kam auch das liebevolle Design der zumeist sehr klein dargestellten Spielfiguren voll zum Tragen. Denn auf einem normalen 57cm TV gehen die ausgefeilten Animationen der hektisch, stolpernden Recken schnell unter. Auch hier hat das Augenzwinkern der Spieldesigner erst für Verwirrung gesorgt, denn die Bewegungen der Spielfiguren erinnern an Vieles, nur nicht an fernöstlich-grazile Kampfkunst. "Die Deppen sehen genauso aus, wie du spielst", provozierte ein Tester (13) seinen Kontrahenten und bestätigte damit die Bedenken hinsichtlich der mangelnden "Coolness".

Dass das Spiel auch und besonders für jüngere Spieler geeignet ist, beweist der gelungene Einstieg über eine Einzelspieler-Kampagne, die zugleich ein Tutorial bzw. Training darstellt. Hier werden Schritt für Schritt die abwechslungsreichen Bewegungsmöglichkeiten erlernt. Und derer gibt es durchaus viele. Unsere Tester waren überrascht, dass es in "Fists of Plastic" nicht darum geht, lange Tastenreihen auswendig zu lernen, um die genreüblichen Spezialattacken auszuführen. Um das Spiel wirklich zu beherrschen, muss man sich in Techniken üben, die im klassischen Beat em Up eher selten bespielt werden. So können diverse Gegenstände aufgehoben und dann als Waffe benutzt oder auch als Wurfgeschoss missbraucht werden. Hinzu kommt eine ausgefeilte physikalisch überzeugende Plattformakrobatik, die von unseren Testern zwar nicht auf Anhieb gemeistert wurde, aber nach etwas Training sehr flüssig von der Hand ging. Eine gewisse Eingewöhnungszeit brauchen auch die Spezialattacken, die über die Sixaxis Steuerung des Playstation 3-Controllers aktiviert werden. Es bereitete den Testern zwar keine Mühe, durch kurzes Padschütteln einen Feuerball loszulassen. Doch es gab auch Manöver, die mehr Geschick erforderten. "Hiermit zeigst du die Richtung, dann Viereck gedrückt halten. Und jetzt schnell hoch und runter", versuchte einer der Tester eine Spezialattacke zu erklären. In unserer Gruppe kam es infolgedessen nie zu inflationärem Gebrauch der ohnehin begrenzten Zahl von Special-Moves.  
  
Doch gerade darin liegt das Motivationspotential von "Fists of Plastic". Die Steuerungsvielfalt begünstigt das Austüfteln von vielen verschiedenen Strategien, um sich im Kreise der Freunde zu behaupten. An die Stelle des bekannten "Wie hast du das gemacht? Voll unfair.", dass immer dann ertönt, wenn ein Spieler einen neuen Special Move entdeckt und bis zur Erschöpfung praktiziert , tritt bei "Fists of Plastic" schnell ein verbissenes "Das kann ich doch eigentlich auch"-Gefühl. Denn ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zu anderen Titeln ist, dass die Spielfiguren hier zwar unterschiedlich aussehen, jedoch dasselbe Repertoire an Angriffsmanövern haben. Dass bei einem Low-Budget Titel immer etwas auf der Strecke bleibt – hier sind es der Story-Modus und eben die unterschiedlichen Kämpferfähigkeiten – fiel unseren Testern deshalb nicht störend auf. 

"Fists of Plastic" hatte in unserer Gruppe trotz aller Innovationen keine lange Spielzeit. Unsere Spieler wussten die Neuerungen zwar zu schätzen, hatten aber immer wieder mit dem atmosphärischen Problem zu kämpfen. Die Ironie von "Fists of Plastic" greift erst bei älteren Spielern. Für unsere Tester war es einfach nicht "erwachsen" genug und wurde als nettes Kinderspiel abgetan.

Fazit:
"Rag Doll Kung Fu: Fists of Plastic" ist ein innovatives und kostengünstiges Mehrspieler-Beat em Up für zwischendurch. Aufgrund fehlender Spielmodi ist es für Einzelspieler allerdings nicht geeignet. Die Atmosphäre präsentiert sich stets humorvoll, kindlich und verspielt. Die motorischen Anforderungen sind moderat. Deshalb kann es bedenkenlos von Mädchen und Jungen ab 6 Jahren gespielt werden.