Fallout 3

Genre
Rollenspiele
USK
keine Jugendfreigabe (?)
Pädagogisch
ab 18 Jahre
Vertrieb
Ubisoft
Erscheinungsjahr
2008.10
Systeme
PC, Playstation 3, Xbox 360
System im Test
Xbox 360
Kurzbewertung
Brillant inszenierte Endzeit-Vision mit moralischem Tiefgang
Autor
Matthias Reitzig
Einzeltest
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Die Erde ist eine Wüste. Nach dem Atomkrieg zwischen den USA und China liegt das Land in Trümmern, radioaktiver Staub weht herum. Wer den ursprünglichen Krieg überlebt hat, wurde so stark verstrahlt, dass er entweder inzwischen daran gestorben oder grauenvoll mutiert ist. Die einzige Ausnahme stellen die wenigen glücklichen Menschen dar, die es geschafft haben, sich vor Kriegsbeginn in einen der Vaults, unterirdische Strahlenschutzbunker, zu retten. 
In einem dieser Bunker wächst auch der Protagonist des Spiels auf und verlebt unter der Aufsicht seines alleinerziehenden, liebenden Vaters eine den Umständen entsprechend relativ glückliche Kindheit. Dies alles ändert sich schlagartig, als der Vater eines Tages plötzlich verschwindet. Besorgt macht man sich als Spieler auf, um ihn zu suchen und das Geheimnis um sein plötzliches Verschwinden zu ergründen.

Pädagogische Beurteilung:
"Fallout 3" ist ein brillant inszeniertes Spiel. So beginnt alles mit der eigenen Geburt, noch auf dem OP-Tisch liegend blickt man das erste Mal seinem Vater ins Gesicht und legt bereits hier, wie in einem Rollenspiel üblich, Merkmale wie Geschlecht und Aussehen fest. Weitere Charaktereigenschaften ergeben sich im Laufe der Kindheit und Jugend, beispielsweise beim Studium eines Kinderbuchs oder während eines Schultests. Diese Charakterentwicklung ist so geschickt gemacht, dass man von Anfang ein Mittendrin-Gefühl hat wie man es sonst selten in einem (Rollen)Spiel findet. 
Das eigentliche Spiel beginnt mit der Flucht aus dem Bunker, um den eigenen Vater zu suchen. In der atomaren Wüste rund um Washington DC ist es nun die Aufgabe, Spuren nach seinem Verbleib zu finden. An oberster Stelle steht jedoch zunächst einfach nur das nackte Überleben, denn auch, wenn die Strahlenbelastung im größten Teil der Welt nicht mehr gefährlich ist, sind viele der Wesen, denen man begegnet, dies durchaus. Von skrupellosen Banditen über Sklavenhändler und wilde Mutanten bis hin zu grotesk deformierten und mutierten Tieren gibt es hier eine Menge Feinde, die dem Spieler nach dem Leben trachten. In Kampfsituationen spielt sich "Fallout 3" zunächst wie ein gewöhnlicher Ego-Shooter. Aus der Ich-Perspektive schießt man mit unterschiedlichsten Waffen, wie Pistolen, Gewehren oder auch ungewöhnlicheren Dingen, wie einem Mini-Atombomben-Werfer, auf seine Feinde. Das Geschehen lässt sich jedoch auch jederzeit pausieren und in einen Modus schalten, in dem man seine Feinde in Ruhe anvisieren und gezielt auf einzelne Körperteile schießen kann. Hier kommt eine taktische Komponente ins Spiel, denn Treffer ins Bein verlangsamen Gegner, Armtreffer verschlechtern ihren Waffeneinsatz und Kopfschüsse richten weitaus mehr Schaden an. Außerdem sind einige Gegner auch nur durch gezielte Schüsse zu besiegen, weil sie beispielsweise am ganzen Körper mit Ausnahme des Kopfes schwer gepanzert sind. Während dies dem Kampfgeschehen Tiefe verleiht, ist es auch einer der Hauptgründe, weswegen "Fallout 3" nichts in den Händen von Kindern und Jugendlichen verloren hat. Auch wenn, anders als in der internationalen Version, kein Blut fließt und auch Körperteile durch Beschuss nicht abgetrennt werden können, sind die Kämpfe äußerst brutal. Im angesprochenen Pausenmodus läuft der Kampf nach erfolgter Zielaktion kurz in Zeitlupe weiter, während der die Kamera auf den Feind zoomt und die Treffer aus größter Nähe zeigt. Dadurch gewinnen die Kämpfe deutlich an Intensität, die für Kinder und Jugendliche absolut nicht geeignet ist.
Auch außerhalb der Kämpfe besticht das Spiel durch seine enorme Tiefe. In Interaktionen mit anderen Charakteren beispielsweise ist es stets dem Spieler überlassen, wie er mit diesen kommuniziert. So stehen in der Regel eine freundliche, eine neutrale und eine barsche Antwort zur Auswahl, die nicht nur den Verlauf des Gesprächs, sondern auch den weiteren Umgang mit dieser Person bestimmen können. So können Freundschaften oder auch Feindschaften entstehen. Überhaupt sind im gesamten Spiel immer wieder moralische Entscheidungen zu treffen; Aufgaben lassen sich fast immer auf verschiedene Arten lösen und ziehen so auch unterschiedliche Konsequenzen nach sich. An einer Stelle des Spiels beispielsweise kommt der Spieler in eine Stadt, in der eine nicht detonierte, aber immer noch gefährliche Atombombe liegt. Der Sheriff der Stadt bittet den Spieler, diese zu entschärfen, ein zwielichtiger Geschäftsmann dagegen bietet ihm eine Menge Geld, wenn er den Zünder der Bombe scharf macht und diese dann aus sicherer Entfernung zur Detonation bringt. Es ist nun die Entscheidung des Spielers, wie er mit dieser Aufgabe umgeht, und er ist es auch, der mit den Folgen seiner Tat leben muss. Entschärft er die Bombe, so ist der Geschäftsmann dermaßen wütend, dass er Auftragskiller auf den Spieler ansetzt, mit denen dieser sich dann im Laufe des weiteren Spiels immer wieder herumschlagen muss. Bringt er dagegen die Bombe zur Explosion, so vernichtet er die gesamte Stadt und deren Bewohner und bringt sich selbst so um einen Anlaufpunkt für neue Missionen und dringend benötigte Ausrüstungsgegenstände. Hinzu kommt, dass viele Aktionen innerhalb des Spiels mit gutem oder schlechtem Karma belohnt werden, was etwas über die Gesinnung des Spielers aussagt und ebenfalls Auswirkungen auf die Spielwelt hat. Ein zwielichtiger Charakter wird sich einem "guten" Helden beispielsweise nicht anschließen, dafür bekommt er aber vielleicht einen Rabatt beim Einkauf in den Geschäften "guter" Personen. Die Aktionen des Spielers haben immer Auswirkungen, und so hat man immer das Gefühl, tatsächlich etwas zu bewegen und nicht nur Statist in einer großen Geschichte zu sein. 
Doch auch diese moralischen Zwiespälte sind ein weiterer Grund dafür, dass nur erwachsene Spieler "Fallout 3" spielen sollten. Manche Entscheidungen sind durchweg erwachsener Natur, und auch die moralische Freiheit, böse sein zu können, ist in dieser Inszenierung eher nicht geeignet für Kinder und Jugendliche.
Grafisch präsentiert sich "Fallout 3" sehr ansehnlich. Die Darstellung der atomaren Wüste ist gut gelungen und fängt die Endzeitatmosphäre des Spiels gut ein. Auch der Sound passt immer zum Geschehen. Während man unterwegs ist lässt sich auch immer das Radio dazuschalten, in dem man entweder das patriotische Programm der "Enklave" oder den eher anarchistisch angehauchten Sender des DJs "Three Dog" hören kann. So wird es auch bei längeren Reisen in der Wüste nicht so schnell langweilig.
Durch mehrere Fortsetzungen wurde die Spielwelt noch einmal deutlich vergrößert und um Komponenten wie eine Ufo oder einen gruseligen Leuchtturm erweitert, an der pädagogischen Einschätzung ändern diese Inhalte jedoch nichts. 


Fazit:
"Fallout 3" ist, dank einer spannenden Geschichte, ein Spiel, das faszinieren kann. Da diese zudem mit etlichen Nebenstories ausgeschmückt wird, kommt so schnell keine Langeweile auf. 
Die zahlreichen moralischen Entscheidungen tragen das ihre zur Motivation bei. Die Aufgaben, die vom Spiel gestellt werden, lassen sich immer auf mehrere Arten lösen und faszinieren dadurch umso mehr. 
Es muss allerdings noch einmal deutlich gesagt werden, dass dieses Spiel bei all seiner Faszination absolut nicht für Kinder und Jugendliche geeignet ist. Zu groß sind der Anteil und die Darstellung von expliziter Gewalt. Zudem geht das Spiel mit seinen Inhalten teilweise so zynisch um, dass Kindern und Jugendlichen unter Umständen das Verständnis fehlt, die Ironie zu durchschauen. Reife Spieler mit Sinn zur Abstraktion jedoch erwartet ein packendes Spielerlebnis, das für lange Zeit zu begeistern weiß.