Dead Space 2

Genre
Action-Adventure
USK
keine Jugendfreigabe (?)
Pädagogisch
ab 18 Jahre
Vertrieb
Electronics Arts
Erscheinungsjahr
2011.10
Systeme
PC, Playstation 3, Xbox 360
System im Test
Playstation 3
Homepage des Spiels
Hinweis(e)
PC-Version muss online aktiviert werden
Kurzbewertung
Unheimlich düsteres und verstörendes Horrorspiel
Autor
Kadir Yilanci
Einzeltest
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
„Dead Space“ (2008) (Test von Dead Space) war eines der intensivsten Videospielerlebnisse der letzten Jahre. Das Science-Fiction-Horror-Action-Adventure war derart gruselig, mit Herz in die Hose fördernden Schockmomenten nervenzerreissend inszeniert, so dass es kaum möglich war, das Spiel länger am Stück zu spielen. Verstärkend und verstörend kam das Gegner- und das Sounddesign hinzu. Die entstellten, ehemals menschlichen Wesen sahen aus, als hätte der irische Maler Francis Bacon sie aus seinen Albträumen in die virtuelle Realität gerissen. Ebenso expressiv ist es den Entwicklern von Visceral Games gelungen, den Klangteppich des Spiels zu weben. Schrille und unangenehme Monstergeräusche, diffuses Flüstern sowie der Klang von Hochindustrie sorgten für eine unheilvolle Atmosphäre. Zudem schraubte das Spiel den Gewaltgrad in einem Videospiel nicht nur extrem hoch, sondern bewarb es als taktisches Zerstückeln.

Nun ist die wieder aber 18 Jahren freigegebene Fortsetzung erschienen und wird in dieser Beurteilung, soweit es geht, pädagogisch analysiert. Soviel kann schon vorweggenommen werden. Die Altersfreigabe des Spiels ist strengstens zu befolgen, da immens verstörende, für ein Erwachsenenpublikum gedachte Inhalte gezeigt werden. Sogar volljährige Spieler, die kein Faible für Grusel, Splatter und Anspannung haben, sollten einen grossen Bogen um das Spiel machen. Das alles klingt jetzt ein wenig nach Werbung, ist es aber nicht. Tatsächlich wurden aber diese genannten Elemente von Publisher Electronics Arts in einer kritisierten Marketingkampagne verwendet. Dazu aber mehr im Hauptteil.

Pädagogische Beurteilung:

Was bisher geschah und geschieht

In der Zukunft werden Rohstoffe im planetarischen Massstab abgebaut. Riesige Bergbauraumschiffe ziehen aus dem Orbit, mit unvorstellbar starken Traktorstrahlen, Stücke aus Planeten heraus und verwerten seine Rohstoffe. Doch eine Bergbaukolonie grub zu tief und fand eine mächtiges Artefakt, den Marker genannt, der die Menschen wahnsinnig machte, sie entstellte und sich gegenseitig zerfleischen ließ. Kurze Zeit später gelangt Ingenieur Isaac Clarke mit einem Versorgungsschiff zum Bergbauschiff USG Ishimura, um seine Verlobte zu treffen, findet dort jedoch nur Zerstörung und Terror. Im Startmenü können Spieler übrigens ein „Was bisher geschah“ Video anschauen und so die Ereignisse aus dem 1. Teil nochmal Revue passieren lassen. Das ist sehr vorbildlich von den Entwicklern, da nur wenige der zahlreichen Fortsetzungen es für nötig erachten, den Spieler eine Zusammenfassung des Vorgängers anzubieten.

Teil 2 setzt drei Jahre später an. Isaac Clarke konnte dem Grauen entkommen und befindet sich auf dem Titanmond des Saturn in einer Nervenheilanstalt, wo ihn die Geister aus der USG Ishimura einholen, als die Station von den Necromorphs, den entstellten Wesen, überrannt wird. Wieder übernimmt der Spieler die Kontrolle über den Ingenieur, der diesmal auch seine Sprechwerkzeuge benutzt (im 1. Teil war der Protagonist still wie der Weltraum) und so auch mit den anderen Figuren sprachlich interagiert. Warum diese Wesen auf dem Titanmond sind, was die Sekte der Unitarier und die eigene Regierung damit zu tun haben wird in den nächsten 15 Kapiteln des Spiels erzählt.

Das Spielprinzip von Dead Space 2

Vom Genre her ist „Dead Space 2“ ein Horror-Adventure. Ähnlich wie bei einem Action-Adventure gilt es ein großes Areal zu erkundigen, (Aus-)Wege zu finden und Rätsel und spezielle Aufgaben lösen. Natürlich werden Gegner bekämpft, aber die Art und Weise wie dies geschieht, ist ein Alptraum für Videospielgegner und Jugendschützer. Die Veröffentlichung der Fortsetzung wurde durch ein bisher einmalig angewandtes Appellationsverfahren Anfang des Jahres durch Bayern verhindert. Bundesländer haben das Recht, Einspruch gegen die Entscheidung der USK einzulegen. Nach einigem hin und her, fünf USK-Prüfungen und Kürzungen im Bereich des Multiplayers konnte das Spiel verspätet erscheinen (Artikel auf PC Games, Stand: 15. 08. 2011).

Stein des Anstosses war natürlich das sogenannte taktische Zerstückeln von Gegnern, das ein essentielles Spielelement der „Dead Space“-Serie ist. Die zu grotesken Monstern mutierten Menschen können am besten und effektivsten bekämpft werden, in dem der mit Werkzeugen wie Plasmaschneider, Kreissäge, usw. ausgerüstete Spieler, ihnen die Arme und Beine abtrennt, um sie zu verlangsamen, zumal der Munitionsvorrat rar gesät ist. Das hört sich hier sehr brutal an, zumindest dürfte es auf Aussenstehende extrem brutal wirken. Für Videospielgegner sind diese Bilder perfekt dazu geeignet ihr Vorurteil gegenüber dem Medium zu festigen. Videospiel-Unerfahrene sowie zartbesaitete Menschen können diese Bilder schocken und sogar verstören.
Man kann dem nun Gegenüber stehen, wie man möchte. Das es virtuelle Brutalität in Videospielen gibt, steht ausser Frage, auch wenn die wissenschaftliche Auseinandersetzung zur Wirkung keine eindeutigen Erkenntnisse gebracht hat. Aus der Perspektive des Spielers sind die Gewaltspitzen nur stilistisches und spielerisches Mittel, um eine dem Genre angebrachte Stimmung zu erzeugen. Aus pädagogischer Sicht ist es aber kritisch zu betrachten, das Electronics Arts mit dem Spielprinzip des taktischen Zerstückelns Werbung betreibt. Die Schockelemente in dem Spiel wurden sogar in einer zwar für die USA konzipierten, aber auch hier wahrgenommenen Marketingkampagne „Your Mom hates this“ verwendet. Eine Reihe Müttern wurde Spielszenen aus „Dead Space 2“ vorgeführt und ihre Reaktionen darauf gefilmt (Artikel bei PC Games, Stand: 19. 08. 2011). Die Botschaft der Kampagne und die jugendliche Zielgruppe ist offensichtlich: Wenn deine Mutter es nicht mag, ist das Spiel geil. Natürlich testet Elecronics Arts damit Grenzen aus und spielt mit der Provokation, aber hier wäre einen sensibleres Vorgehen angebracht gewesen, für ein Spiel das auch nach Meinung EA's für Erwachsene bestimmt ist (auch wenn das Thema Gewalt in den USA weitaus weniger eine Rolle spielt). Aber Electronics Arts ist nunmal ein börsennotiertes Unternehmen und möchte Geld verdienen. Aus Sicht der Werbewirkung daher eine zugegebenermaßen geniale, einfache und effektive Art ein Produkt zu bewerben, ohne das Produkt zu zeigen. Das erzeugt hohe Aufmerksamkeit und macht das Beworbene noch reizvoller.

Licht, Schatten und unangenehme Töne

Erfahrene Videospieler sehen in dem Spiel natürlich weniger die gezeigte Gewalt im Vordergrund, sondern spielen einen Horrorfilm, der sich zahlreicher Anleihen unter anderem aus dem Genre-Klassiker der „Alien“-Reihe, dem Film „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982) sowie aus „Event Horizon“ (1997) bedient. Aber es ist nicht nur die extreme Darstellung von virtueller Gewalt, die das Spiel für Jugendliche unbrauchbar macht. Es ist weitaus mehr die Art und Weise der Inszenierung von Einsamkeit, Panik, Angst in dunklen Räumen, gezielt eingesetzten Schockelementen, sowie dem Spiel von Licht, Schatten und den sehr gekonnt eingesetzten Soundeffekten. In engen Korridoren und düsteren Räumen flimmern Lampen, rote Warnleuchten verheissen nichts Gutes und helle Lichtquellen werfen unheimliche Schatten an die blutverschmierten Wände, die mit Botschaften der Opfer verziert sind.
Die Figur wird zudem aus einer ungewöhnlichen Kameraperspektive eingefangen. Üblich werden Spiele aus der 3. Person aus der totalen Perspektive gefilmt, so dass der gesamte Körper der Figur aus einigen Metern Entfernung und auch ein Teil der Umgebung zu sehen ist. Bei "Dead Space 2" wird jedoch die halbnahe oder amerikanische Einstellung verwendet (Artikel auf Wikipedia). Der Spieler ist an der Figur immer nah dran, ist somit auch inensiver am Geschehen involviert. Genial wurde dies beim Horror-Adventure "Resident Evil 4" (2005) (Test von Resident Evil 4) oder beim Film "The Wrestler" (2008) eingesetzt.

Beim Zielen wird die Über-die-Schulter-Perspektive, die dann Kopf und Schultern der Figur zeigt, eingenommen. An den Waffen, die eher Ähnlichkeit zu Werkzeugen haben, ist eine Lampe befestigt, die leuchtet, wenn gezielt wird. Und wenn dann plötzlich das Licht ausgeht und schrille Töne von kratzendem Metall, dramatische Musik und unheimliche Monsterstimmen hörbar werden, dann wird es extremst unheimlich (die Wirkung des Spiels ist natürlich umso größer, wenn im Dunkeln und mit Raumklang gespielt wird). So wird Panik erzeugt und als Spieler erfährt man eine ungemein hohe Anspannung und Nervosität, wie bei einem richtig gut gemachten Horrorfilm. Verstärkend kommen die immer wieder auftretenden alptraumhaften Erinnerungen hinzu, die die Pysche des Protagonisten illustrieren sollen und erzeugen eine unbehagliche Stimmung. Leider haben es die Entwickler an dieser Stelle versäumt, diese Szenen durch Isaac Clarke reflektieren zu lassen. Er reagiert leider recht emotionslos auf seine Alpträume.
Durch geschickten Einsatz von Sinneselementen ist es also den Entwicklern von Visceral Games gelungen, eine durch und durch unheimliche und beängstigende Atmosphäre zu schaffen, die nur emotional gefestigten Spielern zu empfehlen ist. Jüngere Menschen würden diese Bilder verstören und womöglich Alpträume erzeugen. Daher hier noch einmal die eindringliche Warnung, das "Dead Space 2" nicht für Jugendiche oder gar Kinder gedacht ist. Für Genre-Liebhaber ist das Gruselspiel allerdings ein Fest für die Sinne und die Nerven, auch wenn gegen Ende die Schockelemente nicht mehr ganz so effektiv sind und das Spiel actionlastiger wird.

Metzeln im Internet

Leider gehört es inzwischen zum Usus, auch gute Singleplayer-Spiele mit einem Mehrspielermodus zu verzieren. Prinzipiell ist dem nichts Negatives entgegenzustellen, aber viele Entwickler versuchen die Halbwertzeit ihres Titels mit wenig spaßigen und schnell zusammengeschusterten Multiplayerelementen zu erhöhen. Bestes Beispiel war Bioshock 2 (Test von Bioshock 2), ein gutes Spiel, allerdings mit einem überflüssigen Online-Modus. Nun musste auch „Dead Space 2“ nachziehen und liefert einen Multiplayer-Modus auf fünf Karten mit, in dem der Spieler sich entscheiden kann, ob er einen Menschen oder einen Necromorph spielen möchte. Das macht kurze Zeit Spaß, bietet aber zuwenig, um sich länger damit zu beschäftigen. Wie schon erwähnt wurde das Online-Spiel in der USK-Version zensiert. Es ist somit nicht möglich, die eigenen Mitspieler zu zerstückeln. Als Konsequenz daraus ergibt sich für Spieler der USK-Version folgendes: Mehrspielerduelle können nicht Länderübergreifend stattfinden und die herunterladbaren Zusatzinhalte werden von EA nicht in Deutschland angeboten. Aufgrund der Freigabe des harten Hauptspiels eine diskussionswürdige Anordnung das Online-Spiel einzuschränken. Aber sobald virtuelle Gewaltspitzen an menschlichen Figuren stattfinden, werden von der USK andere Kriterien zur Beurteilung herangezogen. Hier können übrigens die Beurteilungskriterien der USK abgerufen werden (Stand: 29. 08. 2011).

Bevor online gespielt werden kann, muss ein dem Spiel beigelegter Webcode eingegeben werden, der dann mit dem System verknüpft und anschließend unbrauchbar wird. Hintergrund ist, dass einigen Publishern der Gebraucht- oder Verleihmarkt schon lange ein Dorn im Auge ist und sie so versuchen aus weiterverkauften Spielen noch etwas Kapital zu schlagen. Für das Online-Spiel eines gebraucht gekauften Titels muss der Spieler einen Online Pass separat kaufen und aktivieren. Aus Verbrauchersicht ist dieses Vorgehen alles andere als Vorbildlich. Ebenfalls ist es negativ zu sehen, dass man zum Online-Spiel einen zusätzlichen EA-Account anlegen muss. Ob es dazu einen technischen Hintergrund gibt, ließ sich nicht herausfinden, aber in Zeiten wo IT-Firmen liebend gerne Daten sammeln und diese nur unzureichend schützen, ist dieses Vorgehen von Electronics Arts sehr kritisch zu sehen. Gerade eben wurde zudem bekannt, dass sich Electronics Arts für seinen kommenden Download-Dienst Origin das Recht einräumt, Informationen über den Rechner für eigene Zwecke zu nutzen (Artikel auf 4players, Stand. 28. 08. 2011).

Fazit:
„Dead Space 2“ ist für Horrorfans und Spieler, die sich gerne von unheimlichen Kreaturen durch enge und dunkle Korridore jagen lassen ein Fest. Das Spiel vermittelt eine unbehagliche, aber auch sehr spannende Atmosphäre. Diese Anspannung ist an der eigenen Entenhaut zu spüren.
Kinder und Jugendliche generell, aber auch Erwachsene, die ein wenig ausgeprägtes Nervenkostüm haben und dem Genre nichts abgewinnen können, sollten das Spiel nicht spielen. Zu heftig ist das Gezeigte, zu verstörend könnte die dargestellte Brutalität und vor allem die extrem düstere Atmosphäre sein.