L.A. Noire

Genre
Action-Adventure
USK
ab 16 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 18 Jahre
Vertrieb
Take 2
Erscheinungsjahr
2011.11
Systeme
PC, Playstation 3, Xbox 360
System im Test
Playstation 3
Homepage des Spiels
Hinweis(e)
Complete Edition mit fünf zusätzlichen Fällen erhältlich
Kurzbewertung
Filmische und spannende Verbrecherjagd im lasterhaften Los Angeles der 40er Jahre
Autor
Kadir Yilanci
Einzeltest
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Der Heimkehrer aus dem 2. Weltkrieg Cole Phelps arbeitet als Streife bei der Polizei in Los Angeles. Er ist jung, vor allem sehr ehrgeizig und übernimmt bei einem Streifengang eigenmächtig, aber erfolgreich, die Ermittlungen eines Falles. Dieser Erfolg bleibt selbstverständlich seinen Vorgesetzten nicht verborgen und sie sehen den jungen Kriegshelden schon als öffentlichkeitswirksames Aushängeschild für die Polizei von L. A.. Dazu wird Phelps zunächst zur Verkehrspolizei befördert, wo er in Zivil mit einem Kollegen Verbrechen untersucht. Im späteren Verlauf wird er ins Morddezernat versetzt. Hier bekommt er es mit einer unheimlichen Mordserie an Frauen zu tun.

Pädagogische Beurteilung:
Polizisten- statt Gangsterkarriere
Als "L. A. Noire" von Rockstar Games, den Machern von "Grand Theft Auto IV" (Test von GTA IV) und des Western-Epos "Red Dead Redemption" (Test von Red Dead Redemption) angekündigt wurde, erwartete die Spielergemeinde wieder einen Titel mit dem Spielprinzip der Offenen Welt. Diesmal wurde das Los Angeles des Jahres 1947 sehr detailreich simuliert, Spielende können im Auto oder per Pedes die unglaublich riesige Stadt erkunden, aber das Spielprinzip ist ein gänzlich anderes. Das fängt schon mit einem diametralen Perspektivenwechsel an. Statt wie bisher die Rolle eines Verbrechers einzunehmen, ist der Spieler diesmal ein Gesetzeshüter. Aber es wäre kein Rockstar und kein Game Noir, wenn nicht auch die dunklen Seiten der amerikanischen Gesellschaft Thema des Spiels wären, aber dazu später mehr.

Anders ist zudem, dass neben den 21 Aufträgen in der Stadt der Engel relativ wenig zu tun ist. Das Missionsdesign ist linear aufgebaut, Spielende werden von Mission zu Mission geleitet und erlaubt so selten, etwas abseits zu erledigen. Gelegentlich kommen zwar Funksprüche über gerade stattfindende Verbrechen, die der Spieler verfolgen kann, sammelt Polizeimarken und Filmrollen. Ansonsten gibt es im Vergleich zu den beiden erstgenannten Spielen, wo praktisch hinter jeder Straßenecke oder Anhöhe eine Nebenmission wartete, deutlich weniger zu tun. Daher trifft das Open-World-Prinzip bei dem Spiel nicht ganz zu.

Der größte Unterschied ist aber, dass „L.A. Noire“ kein Action-Spiel ist. Das fängt damit an, dass Cole Phelps nur situationsbedingt seine Fäuste und seine Dienstwaffe einsetzen kann. Schießereien und Autoverfolgungsjagden kommen in dem Titel seltener vor und haben einen weniger relevanten Stellenwert, wie in „GTA IV“ oder „Red Dead Redemption“. Das primäre Spielprinzip liegt vielmehr in der alltäglichen Polizeiarbeit, das aus „L.A. Noire“ fast ein klassisches Adventure Spiel werden lässt.

Beweisen nachgehen, Verdächtige befragen
Die zu bearbeitenden Fälle laufen fast alle nach folgendem Schema ab: nach einer kurzen Zwischensequenz in dem bspw. ein Mord gezeigt wird, wird Cole Phelps von seinem Vorgesetzten mit dem Fall betraut. Stilecht in alten Straßenkreuzern fährt der Spieler mit seinem Partner zum Tatort und inspiziert die Umgebung und (oft) eine Leiche. An bestimmten Stellen des Tatortes vibriert der Controller und ein Ton signalisiert einen oder mehrere wichtige Gegenstände, die sich der Spieler etwas genauer ansehen kann. Die Hinweisfunktion kann übrigens ausgeschaltet werden. Auf diese Art findet Phelps beispielsweise einen Brief, eine Streichholzheft mit Adresse, Schuhabdrücke, die Tatwaffe oder auch unwichtige Gegenstände. Die Relevanz der Sachen kann der Spieler nicht selbst zuordnen und werden (leider) vom Spiel vorgegeben. In den Hinweisen, oder durch telefonische Nachforschungen werden weitere Personen ermittelt, welche die beiden Detectives aufsuchen und verhören.

Die realistischen Verhöre sind ein wichtiges spielerisches Element, um weitere Informationen zu bekommen, die auf den Täter schliessen können. Dazu haben die australischen Entwickler Team Bondi eine Technik verfeinert, die Motion-Scan genannt wird. Bewegungen von echten Schauspieler werden schon seit längerem für Filme und Videospiele von Kameras aufgenommen und in ein Computermodell übertragen. Ein gutes Beispiel ist die Figur des Gollum in der Herr der Ringe Trilogie, die von dem Schauspieler Andy Serkis dargestellt wurde. Auch in "L.A. Noire" besetzten eine Reihe bekannter Schauspieler wie bspw. Aaron Staton oder Michael Gladis, aus der Serie "Mad Men", Figuren im Spiel und wurden mit 32 Kameras gleichzeitig aufgenommen und digitalisiert. Dabei wurde der Focus vor allem auf realistische Gesichtsanimationen gelegt, damit der Spieler bei Verhören Gefühlsausdrücke durch Mimik von Zeugen oder Verdächtigen auf den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen deuten kann.

Bei Befragungen und Verhören muss also der Spieler die Person gegenüber genau Beobachten und Gesichtsausdrücke als Zeichen von Wahrheit oder Lüge erkennen. Nach der Antwort des Zeugen oder Verdächtigen erscheinen in der linken Bildhälfte drei Symbole. Mit der X-Taste wird die Antwort als wahr eingestuft. Mit der Quadrat-Taste kann der Spieler seine Zweifel zum Ausdruck bringen und etwas tiefer bohren. Die Dreieck-Taste bezichtigt den Delinquenten der Lüge. Diese Beschuldigung muss der Spieler allerdings mit gefunden Hinweisen, die in seinem Notizheft aufgelistet sind, untermauern. Falls dies nicht gelingt, kann es nämlich passieren, dass der Zeuge seine weitere Mitarbeit einstellt. Richtige oder falsche Aussagen werden akustisch angezeigt. Der Spieler kann mit einem sogenannten Intuitionspunkt, seine falsche Auswahl widerrufen. Als letzte Option können sich Spielende in ein kleines Soziales Netzwerk zum Spiel anmelden, um dort weitere Informationen zu bekommen.

Die Verhörsituationen mit dem Mimenspiel und den hervorragenden und lippensynchronen Dialogen sind eine innovative Komponente und machen aus "L.A. Noire" ein spannendes Detektivspiel, das Spielern eine hohe Aufmerksamkeit und recht gute Englisch-Kenntnisse abverlangt. Zwar können deutsche Untertitel eingeblendet werden, aber gleichzeitig Untertitel lesen und den Gesichtsausdruck des Gegenüber untersuchen ist weniger zu empfehlen. Richtig schade ist, dass eine gute oder schlechte Ermittlung keine Konsequenzen nach sich zieht. Bei Erfolg bekommt der Spieler Erfahrungspunkte gutgeschrieben, doch ausser neuen Autos, Anzügen und einem Intuitionspunkt passiert nicht viel. Schlechte Ermittlungen haben nur einen Rüffel vom Vorgesetzten zur Folge. Eine Strafversetzung oder eine alternative, vielleicht private Ermittlung des Falls wurde leider nicht eingebaut. Alternative Enden wie in "Heavy Rain" (Test von Heavy Rain) sind nicht möglich.

Film oder Spiel oder Gesellschaftsstudie
In den Spielen von Rockstar Games sind zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Referenzen elementarer Bestandteil. "GTA IV" ist eine Satire auf den uramerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär. "Red Dead Redemption" räumt mit dem idealisierten Western-Mythos auf und zeigt ein weniger heroisches Bild des Wilden Westens. Bei "L.A. Noire" sind ebenfalls viele gesellschaftskritische Merkmale zu finden. Schon der Titel ist ein Hinweis auf die dunkle Seite von Los Angeles. Hollywood zieht viele junge Frauen an, die von einer Karriere als Filmstar träumen, aber dann in einem Pornofilm enden. Polizisten stehen oft über dem Gesetz und sind Korrupt. Der Polizeichef denkt nur an seine Statistik, ob Unschuldige hinter Gittern kommen, ist ihm egal. Frauen haben nichts zu melden, Schwarze noch weniger, werden als Neger bezeichnet und sind nur in den unteren Regionen der Gesellschaft als Liftboy, Kellner oder Drogendealer zu finden. Der vor kurzem zu Ende gegangene 2. Weltkrieg und seine Folgen für die Heimkehrer werden kritisch angezeigt, wie auch der beginnende Kalte Krieg und die Paranoia vor dem Kommunismus. Das ist eine Themenvielfalt, die in den wenigsten Videospielen zu finden sind. Zusammen mit der akribisch genauen grafischen Gestaltung von Los Angeles ist zu erkennen, dass sich die Entwickler intensiv mit der damaligen Zeit auseinandergesetzt haben. Wie bei einem guten Buch, das Personen und Umgebung detailliert beschreibt, wird der Spieler so förmlich in das Jahr 1947 von Los Angeles hineingesogen.

Durch das beschriebene Spielprinzip, die Detailgetreue und die stimmige Exposition ist "L.A. Noire" mehr als nur ein Videospiel, es ist ein gespielter Film, dessen Vorbild das kulturprägende Film Noir Genre zwischen den 1940er bis ende der 1950er ist. So werden zumeist Krimi-Streifen bezeichnet, die mit einem pessimistischen und düsteren Grundton unterlegt sind. Durch die sogenannte Low-Key Technik (Wikipedia zur Low-Key Technik), eine besondere Form der Ausleuchtung, wird eine bedrohliche Aura kreiert. Gegenstände, vor allem Figuren werfen lange Schatten und deuten die Vielschichtigkeit der Charaktere an. Polizisten sind korrupt, schöne Frauen bedeuten Ärger und die Hauptfigur hat in seinem Leben so manche zweifelhafte Entscheidung treffen müssen, die ihn nun einholt. Als klassisches Film Noir Beispiel ist "Die Spur des Falken" (1941) mit Humphrey Bogart zu nennen. Wirkliche Helden gibt es im Film Noir nicht, sondern eher zerrissene Figuren. So auch die Hauptfigur des Cole Phelps. In Rückblenden, ebenfalls stilistisches Mittel dieser Gattung, werden seine Militärzeit thematisiert, die im Laufe des Spiels seinen wahren Charakter zu erkennen geben. 

Die dargestellten Morde vermitteln ebenfalls eine unbehagliche Atmosphäre, denen übrigens ein realer Mord an einer jungen Frau im Jahre 1947 Pate stand und als "Schwarze Dahlie" berühmt wurde. Der Spieler muss Frauenleichen untersuchen, die zahlreiche Verletzungen aufweisen und manchmal sogar nackt sind. Zwar halten sich die Gewaltspitzen in Grenzen und in Zeiten von Krimiserien wie CSI haben Jugendliche vermutlich schon ähnlich extreme Bilder gesehen. Durch die unmittelbare Nähe zum Geschehen können diese Bilder trotzdem verstörend wirken, und aufgrund der Tatsache, dass zum Spielverständnis gute Englischkenntnisse notwendig sind, ist an dieser Stelle eine pädagogische Empfehlung ab 18 Jahren angebracht.

Fazit:
Spieler, die ein gewöhnliches Action-Spiel erwarten werden von "L. A. Noire" vermutlich enttäuscht sein. Dazu verschwimmen die Grenzen von Film und Spiel so sehr, dass man den Titel zu recht als interaktiven Film bezeichnen kann. Für Spieler allerdings, die gerne aus den üblichen Strukturen ausbrechen möchten und einen Faible für Film (und gute Englischkenntnisse) besitzen, bietet "L.A. Noire" eine willkommene Abwechslung zum Videospiel-Einerlei dieser Tage. Aufgrund der Thematik, der Atmosphäre von Gewaltverbrechen ist das Spiel allerdings erst für Erwachsene zu empfehlen.