Dreamfall Chapters

Genre
Adventure
USK
ab 12 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 12 Jahre
Vertrieb
EuroVideo
Erscheinungsjahr
2014.10
Systeme
PC, Mac
System im Test
PC
Homepage des Spiels
Kurzbewertung
Interaktive Erzählung, mit ausgearbeiteten Figuren & faszinierender Spielwelt, aber spielerischen Schwächen
Autor
Ingmar Böke
Einzeltest
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Spielbeschreibung:
Mit dem 2000 veröffentlichten Fantasy-Abenteuer „The Longest Journey“ und dessen Nachfolger „Dreamfall“ (2006) gelangen dem norwegischen Entwickler Ragnar Tørnquist zwei Referenztitel im Bereich storybasierter Videospiele. Selten zuvor wurden Spieler auf eine derart emotional-intensive Weise berührt oder mit ähnlich beeindruckenden weiblichen Hauptfiguren konfrontiert. In Form von "Dreamfall Chapters" wird die epische Geschichte nun in Episodenform fortgesetzt, wobei das im Oktober 2014 erschienene "Reborn" die Auftaktepisode darstellt. Vier weitere Episoden sollen bis Ende 2015 erscheinen. Spielerisch fokussiert man sich auf das interaktive Führen von Dialogen (samt moralischen Entscheidungen), die Exploration der Spielwelt und das Lösen von einsteigerfreundlichen Rätseln. 
Angesiedelt ist das Spiel in einem Universum, in dem zwei – durch die Kraft von Träumen verbundene - Welten parallel nebeneinander existieren. Im Falle von Arkadia handelt es sich um eine mittelalterliche Märchenwelt. Stark zeichnet hingegen das Bild einer dystopischen Zukunft, die sich in vielen ihrer Probleme sehr viel stärker an unserer heutigen Welt orientiert. Visuell lehnen sich die Entwickler bei der Erschaffung von Stark deutlich an den Science-Fiction-Film Blade Runner an. Hauptfigur in "Dreamfall Chapters" ist die Studentin Zoe Castillo, die einen bösartigen Mega-Konzern davon abhalten muss, das Gleichgewicht der beiden Parallelwelten zu zerstören und alle Lebewesen ins Verderben zu reißen. Sie ist die Auserwählte, der die Rettung beider Welten obliegt. Weiterhin schlüpfen Spieler in die Rolle des arkadischen Kriegers Kian Alvane. Dieser stellte sich im Vorgängerspiel auf die Seite des Guten und muss zu Beginn von "Reborn" seiner Hinrichtung entfliehen. 

Pädagogische Beurteilung:
Lebendige Spielwelt
Trotz der bisweilen schwankenden Grafikqualität schafft es "Reborn", auf Anhieb eine Welt zu erschaffen, die stets glaubwürdig erscheint. Einen nicht geringen Teil der Auftaktepisode werden Spieler damit verbringen, die Spielfigur durch die Umgebungen zu bewegen und sich mit diesen auseinanderzusetzen. Ganz besonders das enorm umfangreiche Areal der futuristischen Metropole Europolis begeistert mit unzähligen Details, die das pulsierende Stadtleben auf beeindruckende Art zum Leben erwecken. Während dieser ausgiebigen Explorations-Abschnitte können viele Objekte näher betrachtet oder zum Teil auch manipuliert werden. Immer wieder können Gegenstände aufgenommen werden, die an anderer Stelle mit der Umwelt verwendet werden müssen, um die Haupthandlung voranzutreiben. Zudem lassen sich mit vielen Spielfiguren Gespräche beginnen. Unterschiedliche Antwortmöglichkeiten können dabei in leichten Abweichungen innerhalb der jeweiligen Szene resultieren. Auf Actionsequenzen wurde in der ersten Episode komplett verzichtet. Der extrem große Anteil an Dialogen mag auf manche Spieler abschreckend wirken, gerade zumal diese mitunter zu Ausschweifungen tendieren. Wer sich aber auf den hohen Redeanteil einlassen kann, wird mit hervorragend geschriebenen Texten belohnt, die sich im Referenzbereich bewegen.

Anfängerfreundliche Rätsel
Um niemals den Fluss der Geschichte zu lange ins Stocken zu bringen, wurden sämtliche Rätsel bewusst so gestaltet, dass sich die Lösungen als sehr naheliegend herausstellen. In den allermeisten Fällen gelingt es zudem, die Rätsel organisch in die Handlung einzubetten. Dies trägt einen großen Teil zur Glaubwürdigkeit des Spiels bei.

Moralisches Abwägen
Immer wieder gilt es, moralische Entscheidungen zu treffen. Als beispielsweise Kian Alvane bei einem Gefängnisausbruch auf einen verwundeten Mitgefangenen trifft, bittet dieser ihn zu töten. Sollte sich Kian weigern, würde der Verletzte den Wachen in die Hände fallen und vor seinem Tod gefoltert werden. In derartigen Momenten liegt es am Spieler, das akute Vorgehen mit seinem Gewissen zu vereinbaren. Von Entwicklerseite wurde mehrfach betont, einige der getroffenen Entscheidungen würden immense Konsequenzen in Bezug auf zukünftige Episoden mit sich bringen. Inwiefern dies wirklich der Fall sein wird, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht beurteilen.

Vorwissen benötigt?
"Dreamfall Chapters" bietet auf Wunsch einen Zusammenschnitt wichtiger Szenen des Vorgängertitels „Dreamfall“. Weiterhin werden im Spiel selbst des Öfteren vergangene Ereignisse innerhalb von Dialogen erläutert. Da das dargestellte Universum allerdings mit immenser Komplexität aufwartet, dürften Neueinsteiger viele Referenzen nicht verstehen. Ohne Zweifel ist "Reborn" auch ohne Vorkenntnisse ein faszinierendes Erlebnis. Die bestmögliche Erfahrung wird allerdings nur derjenige haben, der zuvor die ersten beiden Teile der Reihe spielt.

Identifikation
Nach wie vor werden Frauen in Videospielen zumeist höchst klischeehaft darstellt. Hauptfigur Zoe Castillo hingegen ist nicht weniger als eine der stärksten Frauenfiguren, die bislang in einem interaktiven Medium behandelt wurden. Auf höchst sensible Weise wird eine junge Frau portraitiert, die sich auf der Suche nach ihrem Platz im Leben befindet. Dabei lässt sich "Reborn" sehr viel Zeit, auf ihre Ängste und Wünsche bezüglich Partnerschaft, Freundschaft, Arbeitswelt oder anderen alltäglichen Dingen einzugehen. Viele Spieler dürften sich als Folge dessen stark mit Zoe Castillo identifizieren können. Selbst wenn gelegentlich mit – verhältnismäßig harmlosen – Sexreferenzen und Schimpfwörtern hantiert wird, richtet sich "Dreamfall Chapters" nicht zuletzt an ein junges Publikum ab 12 Jahren. Auf harte Gewaltszenen wird komplett verzichtet. Stattdessen wird dem Spieler ein hohes Maß an Empathie abgefordert. Bringt er diese auf, wird er mit einem stellenweise emotionalen Spielerlebnis belohnt, das nicht zuletzt auch durch einen sehr berührenden Soundtrack verstärkt wird.

Hinweis zur Box-Version
Wer "Dreamfall Chapters" im Einzelhandel ersteht, wird das Spiel nur installieren können, wenn er sich kostenlos bei der Online-Spieleplattform Steam anmeldet. Die Disc-Version beinhaltet lediglich die erste Episode, der Kauf schließt aber alle noch erscheinenden Kapitel ein. Diese werden jeweils nach Erscheinen automatisch von Steam heruntergeladen. Zusätzliche Kosten entstehen dabei nicht. 

Fazit:
Die "Dreamfall Chapters" Auftaktepisode "Reborn" versteht sich ganz klar als Einführung in die Handlung und Spielwelt. Dabei wird in knapp vier Stunden Spielzeit wesentlich mehr Wert auf Figurenentwicklung gelegt, als auf eine ansteigende Spannungskurve. Da die Vorgänger einen ähnlichen Ansatz wählten, ist jedoch davon auszugehen, dass Episode 1 längst nicht die Plot-Qualität widerspiegelt, die noch zu erwarten ist. Wie stark sich bislang getroffene Entscheidungen auf den Rest der Erzählung auswirken, wird sich ebenfalls zeigen müssen. Fest steht bereits, dass wenige Spielcharaktere jungen Menschen ab 12 Jahren bislang ein ähnliches Identifikationspotenzial boten wie Hauptfigur Zoe Castillo. Mit welcher Sorgfalt deren alltägliche Gedankenwelt beleuchtet wird, ist schlichtweg beeindruckend. Wer sich grundsätzlich für moderne Märchen oder Fantasy-Geschichten interessiert, findet in "Reborn" eine komplex-faszinierende Welt, die sich oftmals von den Klischees vieler vergleichbarer Titel abhebt. Durch den Verzicht auf übermäßig gewalttätige Inhalte und den anfängerfreundlichen Schwierigkeitsgrad eignet sich "Reborn" darüber hinaus, um Jugendliche wie Eltern gemeinsam vor dem Bildschirm zu versammeln. Wer allerdings nach einer spielerischen Herausforderung sucht, wird sich im "Dreamfall Chapters" Universum eher nicht heimisch fühlen.