Canis Canem Edit

Genre
Action-Adventure
USK
ab 16 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 18 Jahre
Vertrieb
Rockstar Games
Erscheinungsjahr
2006.10
Systeme
Playstation 2
System im Test
Playstation 2
Kurzbewertung
Action-Adventure mit polarisierendem Inhalt
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
"Hund frisst Hund" oder frei: "Der Stärkere überlebt". Wie passend, denn
in "Canis Canem Edit" geht es von Beginn an hart zur Sache. Bereits von diversen Schulen geflogen, findet sich Hauptakteur Jimmy Hopkins vor den schmiedeeisernen Toren der hoch ummauerten Bullworth Academy wieder. Schnell wird klar, was sich hinter diesen Toren verbirgt: Bullworth ist nicht gerade das, was man als Eliteuniversität bezeichnen würde. Überhaupt will der Begriff "Schule" hier nicht so richtig greifen. Vielmehr betritt Jimmy mit dem Durchschreiten des altehrwürdigen Haupteingangs einen Mikrokosmos, in dem alles um ihn herum ebenso verdorben und kriminell ist wie er selber. Es beginnt ein Überlebenskampf. Sich irgendwo zwischen rivalisierenden Cliquen und Schulhofschlägereien durchzusetzen, und auf diese Weise in Bullworth zu Ansehen und Ruhm zu gelangen, ist der einzige Weg aus der Situation etwas zu machen. Und im Lehrerzimmer? Ein Sammelsurium aus verkrachten Existenzen. Teils alkoholabhängig oder wahlweise geisteskrank, läuft in Bullworth längst nicht mehr alles nach ihren Regeln. Für ihre Schüler sind Schulklingel und Unterricht ein lästiges Übel, welches nur unnötig von Streichen und dem Austragen von Fehden abhält. "Canis Canem Edit" spielt in einer Schule, aber darum geht es nicht. Es geht um mehr: Den alltäglichen Kampf ums Überleben, irgendwo zwischen Kreidetafel und Schulhofschlägerei.

Die Herstellerfirma Rockstar ist so etwas wie der Till Eulenspiegel unter den Spieleherstellern. Stets provokant und grenzüberschreitend hält man hier gerne der Gesellschaft einen Spiegel vor. Mit der GTA-Serie (Grand Theft Auto) bekannt geworden, ist die Handschrift der Spieleschmiede unverkennbar sarkastisch und überzeichnend. "Canis Canem Edit" ist sozusagen nur die logische Weiterentwicklung der GTA-Vorgänger. Die Themen Computerspiele und Schule sind ein Tabu, was aus Sicht von Rockstar geradezu danach schreit gebrochen zu werden. Herausgekommen ist ein Spiel, welches erste Vorbehalte überraschend nicht erfüllt, jedoch auf den zweiten Blick einen faden Nachgeschmack hinterlässt. "Canis Canem Edit" bringt die Dinge auf den Punkt und spiegelt überspitzt eine Gesellschaft wieder, die uns in ihren Grundzügen nicht unbekannt ist. Die große Voraussetzung: Man muss diesen Punkt erkennen und verstehen können.

Die Handhabe und der Charakter des Spiels dürften für GTA Fans nicht unbekannt sein. Mit dem linken Analogstick steuert man Jimmy durch den Mikrokosmos "Schule", mit dem rechten Analogstick kann die Verfolgerkamera frei im Raum gedreht werden. Tasten ermöglichen Aktionen wie Springen oder Schießen – letzteres vor allem mit einer Steinschleuder. Richtige Waffen gibt es im Spiel nicht, denn Auseinandersetzungen werden in der Regel mit den Fäusten geklärt. Die Antagonisten, die normalerweise einer der archetypischen Gruppen der Nerds, der Sportler, der Reichen oder der Rocker angehören, können zwar geschlagen, jedoch nicht getötet werden.
Dafür kann man den Gegner per Tastenkombination demütigen, indem man ihn z.B. wegschubst oder anspuckt. Geschlagene Gegner bleiben gekrümmt auf dem Boden liegen und verschwinden nach einiger Zeit. Trotz der Möglichkeit zu kämpfen ist die Gewaltdarstellung in CCE zurückhaltend. Spannung wird hier durch die Geschichte erzeugt, nicht durch Brutalität. Die Sprache im Spiel ist Englisch - Fremdsprachkenntnisse sind also Grundvoraussetzung. Grafisch hat Rockstar mit CCE keinen großen Satz gemacht, sondern verweilt auf gewohntem GTA- Niveau.
Der Bullworth-Campus ist riesig und hat auch in geografischer Hinsicht eher Ähnlichkeit mit einer kleinen Stadt als mit einer Schule. Eine riesige Auswahl von Fortbewegungsmitteln wie in GTA wird man in CCE vergebens suchen, ein paar Ausnahmen mal abgesehen. Jimmy erledigt in der Regel alles zu Fuß. Der Handlungsfreiraum ist immens und geradezu unbegrenzt. Viele Details laden zu allerlei Unfug ein, wie z.B. herumliegende Gummibänder, Stinkbomben oder die Feuerlöscher an der Wand. Eine Minikarte dient der Zurechtfindung und der örtlichen Markierung von Missionen. Ein wichtiger Punkt: Wie in Bullworth sieht es hierzulande nicht aus. Die Akademie ist rein optisch irgendwo zwischen Harry Potter und einer typischen amerikanischen Highschool anzusiedeln und vermittelt keinerlei Ähnlichkeit zu einer deutschen Schule. Es wird deutlich klar, dass Dinge, die sich in Bullworth abspielen, nicht auch in der eigenen Schule gelten.

Dennoch ist die inhaltliche Einkleidung des Spiels problematisch, wird der Themenraum Schule doch allzu offensichtlich zum Schauplatz kleinkrimineller Handlungen degradiert. Zwar gibt es feste Unterrichtszeiten, in denen der Spieler mit fachspezifischen Minigames gelangweilt wird (wie dem Zusammensetzen verschiedener Worte auf einem festen Buchstabenkontingent), doch geht es in CCE nicht wirklich um die Schule. Vielmehr geht es darum, was man am liebsten in der Schule machen würde: Unsinn. Hier überhebt sich Rockstar allerdings stellenweise ein wenig am Maß dessen, was Streiche von kriminellen Handlungen unterscheidet. Hier geht es nicht um kauzige Schulbubenstreiche frei nach Feuerzangenbowlen-Art, sondern um teilweise ziemlich harte Brocken. Jimmy ist eher Gauner als Paukerschreck, wenn er z.B. Mitschüler mit einem herumhängenden Feuerlöscher verdrischt. Genau das macht das Spiel inhaltlich angreifbar.

Um auch positive Aspekt hervorzuheben, ist sicher anzumerken, dass Jimmy und der Rest der Bullworth-Bande regelrecht lebendig werden im Verlauf des Spiels. Hier besteht die wahre Stärke von Canis Canem Edit: Im Herausarbeiten und Typisieren von Charakteren und Archetypen. Die Interaktion mit verschiedenen Antagonisten, das Kommunizieren, Entscheiden, Abwägen und Handeln ist das, was CCE ausmacht.


Pädagogische Beurteilung:
Der Praxistest mit den Spieletestern bestätigt den oben beschriebenen Eindruck. Alle Jugendlichen (älter 16 Jahre) fanden das Spiel interessant und reizvoll. Vergleiche zum verwandten Rockstar-Titel "GTA" wurden schnell erkannt und auch gezogen. Die Möglichkeiten der freien Interaktion bietet den Jugendlichen die Möglichkeit, "ihr" individuelles Spiel zu gestalten. Die gestellten Anforderungen, die Steuerung, das Verstehen von Wechselwirkungsprozessen und das taktische Vorgehen, wurden allerdings im Vergleich zu anderen Spielen als recht niedrig empfunden. Besonders interessant fanden die Jugendlichen die Möglichkeit, sich einmal in ihrem alltäglichen Lebensumfeld "Schule" so richtig daneben benehmen zu können, unabhängig davon, wie unähnlich Bullworth Academy zu ihrer eigenen Schule ist. Fehlerhaftes oder kriminelles Verhalten wird im Spiel nicht sanktioniert, sondern, wenn man sich nicht erwischen lässt, sogar belohnt. Auch gestaltet sich der Schulalltag in Bullworth deutlich interessanter. Die freie Zeit zwischen den Unterrichtseinheiten ist sehr viel länger und kann für allerhand Unfug genutzt werden.
Die ironische Einkleidung und die Gesellschaftskritik hinter dem Spiel wurden nur von einem Teil der Jugendlichen reflektiert. Für Einige ist es nur ein Spiel, in dem es primär um Durchsetzungsvermögen und die Macht des Stärkeren geht. Andere erkannten jedoch den gesellschaftskritischen Aspekt in CCE. Es gehe hier um eine Auseinandersetzung (Abrechnung) mit dem schulischen Bildungsapparat.

Trotz aller Kritik illustriert das Spiel jedoch ganz wunderbar bestimmte Themenaspekte, welche zum Gegenstand von Gesprächen gemacht werden können: Wie ist das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern? Was für Cliquen und rivalisierende Gruppen gibt es und welche jugendkulturellen Aspekte werden hier dargestellt? An welchen Stellen kommt es zu Gewalt? Wo und wann nutzen Lehrer ihre Macht aus? Lernen Schüler überhaupt noch etwas in der Schule? Und zu guter letzt: Was würden die Jugendlichen am System ‚Schule’ ihrer Meinung nach ändern?

Fazit:
Sind Jugendliche in der Lage die Ironie und das Kritische in dem Spiel zu erkennen, ist "Canis Canem Edit" nicht problematischer als ein gesellschaftskritischer Film. Wird dieser Punkt übersehen, ist Vorsicht besser als Nachsicht. Aus diesem Grund ist das Spiel trotz seiner USK Freigabe ab 16 Jahren eher etwas für junge Erwachsene ab 18.