Red Dead Redemption

Genre
Action-Adventure
USK
keine Jugendfreigabe (?)
Pädagogisch
ab 18 Jahre
Vertrieb
Take-Two
Erscheinungsjahr
2010.05
Systeme
Playstation 3, Xbox 360
System im Test
Playstation 3
Kurzbewertung
hervorragend, jedoch brutal inszenierter Spaghetti-Western zum Mitspielen mit leichten spielerischen Schwächen
Autor
Matthias Reitzig
Einzeltest
Screenshot 2Screenshot 3Screenshot 4

Spielbeschreibung:
Clint Eastwood hat es getan. Charles Bronson hat es getan. Und John Wayne hat es natürlich auch getan: Sie alle sind unzählige Male nach staubigen Ritten, schmutzigen Kneipenschlägereien und wilden Schießereien in den Sonnenuntergang geritten ohne sich noch einmal umzudrehen; einzig die Weite der endlos scheinenden Prärie vor sich. Es ist vor allem diese Atmosphäre, die einen guten Western ausmacht, dieses Gefühl der Weite und der Einsamkeit des Protagonisten, in der Regel ein wortkarger, bärbeißiger Cowboy der sich selbst der Nächste ist und sich halt irgendwie durchschlägt, nicht selten auch mit moralisch mindestens fragwürdigen Methoden. Erst danach kommt die Action, kommen hart inszenierte Schießereien und Prügeleien. Und ganz ähnlich ist es auch, wenn man versucht, einen Western in einem Videospiel umzusetzen. In der Vergangenheit wurden bereits mehrere Versuche unternommen, dieses Unterfangen umzusetzen. Der Ego-Shooter "Call of Juarez" hat es, mit recht mäßigem Erfolg, ebenso versucht wie der "Red Dead Redemption" Vorgänger "Red Dead Revolver". Doch keinem der Spiele ist es wirklich gelungen, die Westernatmosphäre einzufangen und sich von anderen Actionspielen merklich abzusetzen. Bis jetzt. Denn "Red Dead Redemption" macht vieles anders und vor allem vieles besser – und damit gelingt es dem Spiel, ein einzigartiges Spielgefühl herzustellen.
Der Spieler steuert die Figur des John Marstens, eines Revolverhelden und Outlaws, der in seinem Leben wenig Gutes getan hat. Dennoch ist er bereit, sein Leben zu ändern, und zu diesem Zweck nimmt er das Angebot einiger Agenten des frisch gegründeten FBI an, mit ihnen zu kooperieren und im Gegenzug eine Amnestie zu erhalten. Marstens Aufgabe besteht nun darin, seine ehemaligen Komplizen zur Strecke zu bringen, koste es, was es wolle. Und das geht selten gewaltfrei von der Bühne, und auch das FBI ist in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich und in seinen moralischen Vorstellungen durchaus fragwürdig.

Pädagogische Beurteilung:

Ein weites Land
"Red Dead Redemption" ist ein reinrassiges Open-World Action-Adventure im Stile von Spielen wie "Grand Theft Auto 4" [Test von GTA 4]. Der Spieler blickt dem Protagonisten von hinten über die Schulter und steuert sowohl ihn als auch die Kamera. Dabei bleibt es dem Spieler überlassen, wie er das Spiel spielt: Man kann dem Plot des Spiels folgen und nach und nach die Geschichte erleben, wie John Marsten nach und nach seinem Ziel näher kommt, seine Familie wiederzusehen, man kann aber auch einfach mehr oder weniger ziellos durch die endlose (ja, das Spielgebiet ist wirklich riesig) Weite der Prärie ziehen und sich einfach von dem überraschen lassen was da so passieren mag. Denn es passiert eine Menge in diesem Spiel: Mal wird man Zeuge eines Überfalls und kann helfend eingreifen (oder auch nicht, die Wahl hat meist der Spieler), mal fordert einen ein Heißsporn, der sich einen Namen machen will, zum Duell. Auch Überfälle auf die eigene Person sind keine Seltenheit. All dies sind zufällige Ereignisse, die mit der eigentlichen Geschichte des Spiels in keinerlei Zusammenhang stehen, das Spiel jedoch spannend und abwechslungsreich gestalten. Darüber hinaus kann der Spieler auch selbst gezielt tätig werden: In den kleinen Städten lassen sich überall kleine Tätigkeiten und Jobs finden; so kann man in Pokerturnieren oder beim Hufeisenwerfen ein wenig Geld dazu verdienen oder auf Steckbriefe reagieren und als Kopfgeldjäger tätig werden. Auf kleinen Farmen werden häufig Aushilfen zum Viehtreiben oder Pferde zähmen gesucht; all diesen Aufgaben kann sich der Spieler annehmen. Auch die Jagd ist ein vielversprechender Zeitvertreib: "Red Dead Redemption" verfügt über eine Fauna, die man in diesem Umfang in einem Videospiel noch nicht erlebt hat. In den Ebenen findet man Hasen und Gürteltiere, Wölfe durchstreifen die Prärie und gehen dem Spieler in der Regel aus dem Weg, im Rudel greifen sie jedoch auch schon einmal an. In den Bergen finden sich mächtige Grizzlybären, an Flussufern tummeln sich Biber. Und am Himmel schweben verschiedene Vögel; in der Nähe von Kadavern natürlich vor allem Geier. All dies wirkt sehr natürlich, in aller Regel findet man die verschiedenen Tiere genau da, wo man sie auch vermuten würde. Und jedes Tier ist auch als Jagdobjekt verfügbar; die verschiedenen Trophäen bzw. das Fleisch lässt sich in den Städten gewinnbringend verkaufen. Es gibt also auch abgesehen von der Story des Spiels viel zu tun und zu entdecken.


Ein einsamer Mann
Doch zurück zur Geschichte. John Marsten ist ein einsamer (Anti-)Held, eine Figur, wie sie in so vielen Westerngeschichten immer wieder vorkommt: Ein zerrissener, wortkarger Mann auf einer Mission, der immer wieder von seiner gewalttätigen Vergangenheit eingeholt wird. Marsten ist bereit, alles zu riskieren, um seine Familie wiedersehen zu können, und für dieses Vorhaben muss er auch über Leichen gehen. Insbesondere seine ehemaligen Komplizen sind alles andere als begeistert über seinen Sinneswandel; die blutigen Auseinandersetzungen mit ihnen nehmen einen Großteil der Handlung ein. Alternative Handlungswege gibt es nicht, Marsten muss diese Konflikte mit Gewalt lösen. Allerdings würde man dies in einem schmutzigen, an einen Italowestern erinnernden Spiel auch nicht anders erwarten – im Grunde ist es also nur konsequent. Dennoch hätte man sich vielleicht etwas mehr Entscheidungsfreiheit gewünscht. Zudem macht der Grundton des Spiels, dieses für Kinder und Jugendliche völlig ungeeignet. Die zahlreichen Schießereien sind recht realistisch inszeniert – Blut spritzt, die Gegner gehen schreiend zu Boden und an den Leichen sind deutlich Einschusslöcher zu erkennen. Darüber hinaus ist auch die Sprache des Spiels nicht gerade zimperlich; die Dialoge des Spiels sind voller Flüche und Kraftausdrücke. Hinzu kommt die amoralische Ausrichtung der Spielfigur. Marsten ist bereit, alles zum Erreichen seines Ziels zu tun, und darunter fallen häufig auch mindestens fragwürdige Aktionen, die vom Spieler auch als solche erkannt werden sollten.
Vergewaltigungen auf offener Straße, Lynchjustiz oder Erschießungen am Wegesrand. Immer wieder stolpert der Spieler in Szenen, die emotional aufgeladen sind und immer offen lassen, ob er eingreift oder nicht. Dies setzt eine gewisse Fähigkeit zur Differenzierung voraus, die Kinder und Jugendliche eventuell noch nicht in ausreichendem Maße besitzen.

Typisch Western
In seltenen Abständen erlebt der Spieler Szenen die automatisch ablaufen und nicht zur eigentlichen Story gehören. So hält ein Cowboy am Wegesrand einen anderen offensichtlich toten Cowboy in den Armen und betrauert dessen Ableben, nimmt seinen eigenen Revolver und erschießt sich. Eine klare Hommage an den Film "Brokeback Mountain" und doch für Spieler dich sich auf die Atmosphäre einlassend ziemlich bedrückend. So spielt "Red Dead Redemption" immer wieder auf bekannte Filmszenen an, doch nur wer die filmischen Vorbilder kennt, wird an solchen Stellen schmunzeln.

Im Laufe des Spiels trifft Marsten auf die unterschiedlichsten Charaktere, die ihm mal helfend zur Seite stehen, mal als Gegenspieler aufgebaut werden. Gemein ist diesen Figuren, dass sie alle hervorragend inszeniert sind. Aus Western bekannte Stereotypen werden hier meisterhaft in Szene gesetzt, so trifft man auf den typischen irischen Trunkenbold, den Scharlatan, der Wundermittel verkauft oder den brutalen mexikanischen General, der die Bevölkerung unterdrückt. Diese Charaktere tragen dazu bei, dass die Geschichte abwechslungsreich bleibt und zudem mit einem Augenzwinkern erzählt wird; sie stellen eine Hommage an die großen Westernfilme dar.

Eine wilde Bande
Wem der Einzelspielermodus zu langweilig geworden ist, der kann sich auch in der Onlinewelt von "Red Dead Redemption" austoben. In einer Vielzahl von Spielmodi ist es hier möglich, sich mit anderen Spielern in wilden Schießereien zu messen oder sich gemeinsam mit ihnen, quasi als Bande von Gesetzlosen, an verschiedenen Aufgaben zu versuchen. So muss hier zum Beispiel ein Fort eingenommen oder eine Verbrecherbande zur Strecke gebracht werden. Die Aufgaben sind dabei in der Schwierigkeit so konzipiert, dass sie allein oder mit nur zwei Spielern kaum zu schaffen sind; die Kooperation von mehreren Spielern ist also Pflicht.
Die Spielfigur in den Onlinemodi ist vom Spieler frei gestaltbar, wobei auch Ausstattungsgegenstände benutzt werden können, die zuvor im Einzelspielermodus durch das Erledigen bestimmter Aufgaben, wie Schatzsuche oder Kopfgeldjagd, freigeschaltet wurden. Man kann also anhand des Aussehens der Mitspieler darauf schließen, wie ausgiebig dieser das Spiel bereits gespielt hat – ein weiterer Anreiz, viel Zeit in das Spiel zu investieren. Dies muss nicht schlecht sein, kann bei Spielern mit Neigung zu exzessivem Spiel jedoch zu Problemen führen.

Bisher sind zwei Zusatzpakete für den Onlinemodus von "Red Dead Redemption" erscheinen, die viele Aufgaben des Einzelspielermodus auch in Mehrspielerpartien verfügbar macht. Diese Pakete können gegen umgerechnet ca. 10 Euro auf den Konsolen erworben werden.

Fazit:
"Red Dead Redemption" ist ein hervorragend inszeniertes, spannendes Spiel. Durch die offene Gestaltung der Spielwelt mit ihren mannigfaltigen Möglichkeiten zur Betätigung hält das Spiel die Motivation lange Zeit hoch; es lädt vielmehr dazu ein, immer noch mehr entdecken zu wollen. Die Geschichte wird souverän und mit einem ironischen Unterton erzählt; zudem finden sich viele Anspielungen auf Westernfilme, die Kenner des Genres freuen dürften. Der Multiplayerpart trägt das seine zur Langzeitmotivation bei.
Zugleich ist "Red Dead Redemption" jedoch für Kinder und Jugendliche nicht geeignet. Zu brutal ist die Art der Darstellung und zu düster die Handlung als dass das Spiel in die Hände von Minderjährigen gehört. Und hier ist nicht nur die direkte Gewaltdarstellung gemeint, sondern die rechtsfreie und unmoralische Atmosphäre, die in der Spielwelt allgegenwärtig ist.
Volljährigen Spielern mit auch nur einem Hauch von Interesse an Western sei "Red Dead Redemption" jedoch wärmstens empfohlen.