Grand Theft Auto (GTA): San Andreas

Genre
Action-Adventure
USK
ab 16 Jahre (?)
Pädagogisch
ab 18 Jahre
Vertrieb
Rockstar Games
Erscheinungsjahr
2004.07
Systeme
PC, Playstation 2, Playstation 3, Xbox, Xbox 360
System im Test
PC
Kurzbewertung
Kultspiel mit problematischen Handlungsmustern
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Eine kurze Videosequenz zu Beginn führt in die Spielgeschichte ein. Carl Johnson (CJ), die Hauptfigur des Spiels, kommt aus dem Knast in sein altes Ghetto nach San Andreas zurück. Hier haben sich die Dinge für ihn und seine Freunde zum schlechten verändert. Seine Mutter ist erschossen worden und korrupte Polizisten kontrollieren den Drogenhandel. Schon auf der Heimfahrt wird er angehalten und von Gesetzeshütern gezwungen, zwielichtige Aufträge auszuführen. Weigert er sich, droht erneut ein Gefängnisaufenthalt. An diesem Punkt übernimmt man die Steuerung von CJ, wobei alle Missionen aus der "Third-Person"-Perspektive (1) erfolgen.


Zu Anfang muss der virtuelle Held mit dem "Arm des Gesetzes" zusammenarbeiten. Im weiteren Verlauf geraten allerdings andere Spielziele in den Vordergrund, denn CJ möchte seine alte Gang wieder aufbauen und sein Viertel vom Drogenhandel säubern. Um diese Ziele zu verwirklichen, müssen nicht nur zahlreiche Missionen erfüllt, sondern über die Stadtgrenze hinaus auch Verbündete für eine Zusammenarbeit gegen korrupte Cops und einen Mafiaring gewonnen werden.


Solche Aktionen sehen wie folgt aus: Mit dem Wagen fährt man einen bestimmten Ort innerhalb eines feindlichen Gebietes an, um dort dann einer Übermacht an Gegnern zu zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat. Den Weg dorthin findet man recht schnell mit Hilfe einer Straßenkarte. Bei der Auseinandersetzung selbst bieten die "Homies" (Freunde aus dem eigenen Viertel) der Spielfigur schießwütige und wirkungsmächtige Unterstützung. Je mehr Missionen der Spieler erfolgreich ausführt, desto mehr nehmen die Fähigkeiten der Spielfigur in Bezug auf Ansehen sowie körperliche und materielle Verfassung zu. So kann CJ z.B. in einem Tattoo-Shop seinen Körper verzieren, ein Fitness-Studio besuchen oder coole Klamotten einkaufen.

Mit Spielverlauf werden die Missionen zwar immer schwieriger (vorab einstellbare Schwierigkeitsstufen sind nicht möglich), bieten letztendlich aber zu wenig Abwechslung, da in der Regel das Spielmuster sich kaum unterscheidet. Man erhält einen Auftrag, fährt dann lange durch die Stadt, um sich anschließend mit Gegnern auseinander zu setzen, die zumeist ähnlich reagieren. Vorwiegend reaktionsschnelles Handeln ist notwendig, um mit der Spielfigur erfolgreich zu sein. Räumliche Orientierung und taktisches Vorgehen, die für zusätzliche Spannung und Herausforderung sorgen könnten, sind weniger gefragt.

Was den Aktionsradius betrifft, bietet das Spiel großzügige Handlungsfreiheiten. Mit der Spielfigur kann man die gesamte Stadt erkunden, in der es eine Menge zu entdecken gibt. So befinden sich in den detailliert dargestellten Straßen von San Andreas zahlreiche Fußgänger, Radfahrer und die verschiedensten Fahrzeuge. Zahlreiche Gebäude wie Einkaufszentren, Fast-Food-Restaurants oder der Hafenbereich inklusive verschiedener Boote können betreten und genutzt werden. Tages- und Nachtzeiten werden ebenso simuliert, wie unterschiedliche Wetterverhältnisse. Und wie im richtigen Leben, benötigt die Spielfigur auch für das Leben in der virtuellen Stadt das notwendige Kleingeld.


Wie in einer Gangstergeschichte nicht anders zu erwarten, lassen sich die Missionen, die CJ Geld und Ehre einbringen, im Sinne der Spielideologie nur dann erfolgreich umsetzen, wenn der Spieler egoistisch und mit Gewalt vorgeht. So können alle Wagen in San Andreas, die CJ zum Erfüllen seiner Missionen dringend braucht, angehalten und entführt werden. Hierzu reißt der Spieler die Fahrer- oder Beifahrertür der Fahrzeuge auf und zerrt den Besitzer unsanft auf die Straße. Eventueller Widerstand wird mit Schlägen oder Schießen gebrochen. Für diese Rowdymentalität stehen dem Spieler zahlreiche Waffen zur Verfügung, die er nach und nach im Spiel finden und einsetzen kann. Sie reichen vom Baseballschläger über diverse Handfeuerwaffen bis hin zu gepanzerten Fahrzeugen.

Die inhaltliche Einkleidung ist durchaus kritisch anzumerken, da wesentliches Thema des Spiels die kämpferische Auseinandersetzung ist. Das Spiel übt besonders auf männliche Jugendliche einen besonderen Reiz aus, da Spielgeschichte und Handlungsmöglichkeiten jugendrelevante Themen miteinander verknüpfen (Opfer und Held sein in einer scheinbar ungerechten Welt, sich gegen andere Banden durchsetzen, sich nicht unterkriegen lassen, Ansehen und Status genießen und dabei immer cool bleiben). Tabubrüche und Grenzüberschreitungen sorgen für zusätzliche Faszination, da in der virtuellen Welt keine schmerzhaften Konsequenzen zu befürchten sind. Scheitert der Spieler in einer Mission, muss seine Figur zwar Strafgeld zahlen, kann aber dann die Mission erneut angehen. "Hier kann ich mal so richtig rumballern und meine Wut rauslassen ohne jemandem weh zu tun oder Ärger zu bekommen!" (Emre, 17 Jahre).


Auch wenn Spielinhalt und Handlungsmuster auf den (erwachsenen) Betrachter recht aggressiv und bedrohlich wirken, sollte er sich dennoch die Zeit nehmen und verstehen lernen, warum besonders Jungen sich von diesem Spiel angesprochen fühlen. Macht, Stärke und Siegen wollen sind wichtige Elemente im Lebensalltag vieler Jungen. Sie suchen die kämpferische Auseinandersetzung, weil sie darüber einen Teil ihrer Identität und Männlichkeit definieren. GTA bietet ihnen auf der symbolischen Ebene diese Möglichkeit.


Musik und grafische Gestaltung präsentieren zugleich eine Lebenskultur, die besonders Hip-Hop interessierte Jugendliche als äußerst anziehend empfinden: Die Kleidung der Spielfiguren, ihr amerikanischer Slang (alle Gespräche werden in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln wiedergegeben), die dargestellte Graffitikultur, zahlreiche Hip-Hop-Musiktracks und die comicartige Präsentation der Zwischensequenzen.
Mit diesem Verständnis könnte man nun mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen und über Formen und Möglichkeiten der Konfliktaustragung in der realen Welt diskutieren.