Spielbeurteilung

Bye Sweet Carole

Wunderschönes spielbares 2D-Horrormärchen in einem Disney-Zeichentrickstil.

4
5

Allgemeines

Vertrieb: Maximum Entertainment
Spielewebsite: Website aufrufen
Erschienen: 9. Oktober 2025

Jugendschutz & Altersempfehlung

USK Alterskennzeichen

USK ab 12
USK ab 12 freigegeben

Spielmodi:

  • nur alleine spielbar

Zusatzinfos:

Pädagogische Altersempfehlung

12
spielbar ab 12 Jahren
Ä
Ästhetik

Spielbeschreibung

In Bye Sweet Carole erleben wir die Geschichte um das Waisenmädchen Lana Benton, die sich im Waisenhaus Bunny Hall auf die Suche nach ihrer verschwundenen Freundin Carole Simmons macht. Über mehrere Kapitel lang steuern wir unsere Hauptfigur durch 2D-Hintergründe, wechseln von Raum zu Raum die Örtlichkeiten, klicken erwähnenswerte Dinge an, sammeln vereinzelte Gegenstände in unser Inventar ein und müssen diese kombiniert an den richtigen Stellen im Level einsetzen, um Rätsel zu lösen und Hindernisse zu bewältigen. Ergänzt wird diese ruhige Spielweise durch sogenannte Quick-Time-Events, Momente, in denen wir schnell reagieren und die richtigen Tasten betätigen müssen, damit wir z.B. nicht herunterfallen, was sonst das virtuelle Ableben bedeutet. Geschieht dies, werden wir wieder an den Anfang der Szene gesetzt und wiederholen die einzelnen Passagen, bis wir diese gemeistert haben. Des Öfteren müssen wir uns vor Gegnern verstecken, die uns verfolgen und ebenfalls unser virtuelles Ableben bedeuten würden. Mit gelegentlichen Schreckmomenten erfahren wir mehr und mehr über das mysteriöse Anwesen, die Geschichte dahinter und tauchen immer weiter in magische Ereignisse ein, bis wir nach mehreren Stunden das Ende der linearen Handlung erreicht haben.

Pädagogische Beurteilung

Es war einmal…

kein Disneymärchen. Obwohl die wunderschöne, gezeichnete 2D-Grafik stilistisch aus einem Disney-Zeichentrickfilm sein könnte, erleben wir ein anderes Märchen im Stile einer Geschichte von Charles Dickens. Dabei bleibt die Handlung durchweg mysteriös und überrascht mit jedem Kapitel mit neuen Funktionen, weiteren Örtlichkeiten und neuen Rätseleinlagen, welche mit der Zeit auch umfangreicher und schwieriger werden. Unsere Hauptfigur bekommt eine magische Fähigkeit und muss diese auch für die Lösungen einsetzen. Alternative Lösungsansätze werden nicht angeboten und die Handlung sowie die Rätsel müssen in der richtigen Logik erkundet, kombiniert und aufgelöst werden. Hierbei greifen wir jedoch nie zu Waffen, um uns zu verteidigen.

Viktorianisches düsteres Märchen

Die fiktive Geschichte spielt zur Zeit während der Industrialisierung Englands von vor über 100 Jahren. Trotz der wunderschönen, bunten Farben bleibt der Farbton besonders im Anwesen düster gehalten. Düster ist zudem die Geschichte um Waisenkinder, welche das für diese Zeit typische Gesellschaftsbild von Frauen aufgreift und als gegeben voraussetzt. Während des Spielens wird man an mehreren Stellen ein Gefühl von Unbehagen bekommen, da dieses veraltete Rollenmodell aus heutiger Sicht Empörung und Unverständnis auslösen dürfte. Weitere Themen wie Mobbing, Verbote, speziell für Frauen, und Emanzipation werden ebenfalls aufgeworfen. Daraus entsteht aber auch eine spannende Erzählung um eben diese Themen sowie die Motive der Charaktere in dieser Geschichte, die mit mehreren überraschenden und fantastischen Wendungen deutlich aufgewertet wird und bis zum Schluss mysteriös und spannend bleibt.

Zudem erleben wir mit unserer Figur auch viele Schreckmomente, welche dadurch spielerisch verstärkt werden, dass wir uns den drohenden Gefahren nicht unbedingt erwehren können, sondern uns Verstecke suchen und die Gefahr eher meiden müssen, um voranzukommen. In solchen Momenten erinnert das Spiel an Fabeln mit düsteren Farbelementen, welche bereits prominent verfilmt und geschrieben wurden. Als Beispiele seien Watership DownUnten am Fluss” oder Pan’s Labyrinth genannt, also düstere Geschichten und Märchen, die kaum für Kinder gedacht waren und tiefen bleibenden Eindruck hinterlassen können. Der Titel richtet sich daher nicht an diejenigen, denen die Erfahrung mit düsteren Märchen oder das Interesse dafür fehlt. Das Spiel mag aufgrund der wunderschönen Zeichentrick-Grafik harmlos wirken, behandelt aber schwierige Themen aus vergangenen Zeiten, die durchaus noch aktuell sind.

Der Dragon’s Lair Frusteffekt

Aufgelockert wird die düstere und teilweise verstörende Geschichte durch fantastische Elemente und einen Begleiter, welcher direkt aus einem Zeichentrickfilm entsprungen sein könnte. Zudem verändern sich Rätselketten und können auch an manchen Stellen schwierig ausarten, da man nicht immer die notwendigen Stellen, mit denen man interagieren muss, aufgrund der wunderschönen Spielgrafik erkennt oder die Steuerung nicht genau genug reagiert. Besonders bei den häufigen Situationen, in denen man fliehen muss, führte dies mehrmals zu einem Scheitern, sodass man dieselbe Passage mehrfach wiederholen musste. So verflüchtigte sich zwar das Spannungsmoment eines unheimlichen Abschnitts, dafür stieg der Ärger und die Frustration, da die Steuerung gefühlt nicht richtig reagierte, man an der falschen Stelle abgesprungen ist oder nicht den richtigen Bereich gefunden hat, um z.B. die Treppe zu verlassen.

Die schnellen Reaktionstests kommen teilweise so plötzlich, dass man im ersten Moment nicht schnell genug reagieren kann, weil man auf den raschen Wechsel zwischen ruhigem Point&Click-Adventure und Quick-Time-Events à la Dragon’s Lair (einem Spiele-Klassiker aus den 1980er Jahren) nicht schnell genug reagieren kann. Je nach Geschmack und Empfinden können diese Momente als gelungene Abwechslung oder als Störelemente gesehen werden. Zudem wiederholen sich Flucht- und Versteckpassagen häufiger und sind irgendwann spielerisch durchschaut.

Fazit

Bye Sweet Carole unterhält mit einer düsteren Märchengeschichte und bleibt durch die vielen erzählerischen und spielerischen Überraschungen abwechslungsreich und bis zum Schluss motivierend. Manche Passagen oder Rätselketten können zu Frustration führen, wenn man dieselben Momente mehrmals wiederholen muss. Das Spiel setzt auf kreative Weise die Spielmechaniken klassischer Point&Click-Adventures mit Quick-Time-Events zusammen und die wunderschöne Grafik im Stile eines Disney-Zeichentrickfilms bleibt ebenfalls länger in Erinnerung. Das Horrorspiel richtet sich dennoch nicht an Jüngere, auch aufgrund der vielen Schreckmomente und der ernsten Themen, die in der Geschichte behandelt werden.

Bewertung der Spieletest-Gruppe

Kinder- und Jugendhaus Brake

Bielefeld
Spielspaß: