Schriftzug Neurotype Cafe mit Ansicht eines Cafés.
Spielbeurteilung

Neurotype Cafe

Nette Visual Novel über die Lebenswelten von jungen, neurodivergenten Menschen.

Eine gezeichnete Frau namens Nia erklärt einer anderen Frau, dass sie autistisch ist und ADHS hat.
Eine gezeichnete Theke mit verschiedenen Zutaten, um Kaffee und Tee herzustellen wie Honig, Milch oder Sirup.
Eine Frau denkt darüber nach, wie sie mit ihrem Energielevel umgeht vor einem gezeichneten Café.
4
5

Allgemeines

Vertrieb: Lena Dias
Spielewebsite: Website aufrufen
Erschienen: 5. Mai 2023
Plattformen:

Jugendschutz & Altersempfehlung

USK Alterskennzeichen

Nicht USK geprüft
nicht USK geprüft

Spielmodi:

  • nur alleine spielbar

Pädagogische Altersempfehlung

8
spielbar ab 8 Jahren

Spielbeschreibung

Die kleine Visual Novel Neurotype Cafe bringt auf spielerische und wohldurchdachte Art den Alltag einer neurodivergenten Person näher. Die Spielenden begleiten Nia, eine autistische Frau mit ADHS, bei ihren ersten Wochen als Barista. Nia muss mit verschiedenen Kund*innen sprechen und ihnen die richtigen Getränke servieren. Dabei ist für Nia nicht immer verständlich, was die Kund*innen wollen, wenn beispielsweise nur ein HC-Kürzel bei der Bestellung genannt wird, das Getränk so fruchtig wie möglich gemacht werden soll oder „something orange“ bestellt wird. Zudem muss Nia ihr Energielevel managen, da sie ansonsten keine weiteren Getränke machen kann.

Pädagogische Beurteilung

Hintergründe und Figuren

Neurotype Cafe wurde von drei amerikanischen Studierenden im Rahmen einer Abschlussprüfung entwickelt und mit einem Preis von der Fakultät ausgezeichnet, wodurch das Spiel an Bekanntheit gewann. Die Studierenden haben sich zuvor intensiv mit Behinderungen und den Erfahrungen von neurodivergenten Personen auseinandergesetzt, was sich auch im Spiel widerspiegelt: Statt Stereotype werden realitätsnahe Charaktere mit und ohne Behinderungen gezeichnet, die allesamt mit ihren verschiedenen Hintergründen, Geschichten und Problemen aufeinandertreffen. Neben der autistischen Protagonistin mit ADHS, gibt es auch eine gehörlose, non-binäre Figur und eine Person mit japanisch-amerikanischer Herkunft, aber auch Angehörige eines körperlich beeinträchtigten Jungens, der sich auf die Uni vorbereitet. Besonders fällt hier die Intersektionalität zwischen Geschlecht und Behinderung ins Auge. Das Spiel zeigt insbesondere Frauen und non-binäre Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung, während in populären Medien, wie The Good Doctor oder Rain Man, meist männliche, autistische Personen im Vordergrund stehen.

Auch findet das Spiel eine gute Balance zwischen der Darstellung von positiven und negativen Aspekten von Behinderung, beziehungsweise Neurodivergenz. So zeigt das Spiel die Schwierigkeiten dieser Menschen: Nia wird beispielsweise gestresst, wenn es laut im Café wird oder bestimmte Gegenstände nicht an ihrem Ort sind. Mit der gehörlosen Person unterhält sie sich mithilfe eines Notizhefts darüber, wie sie beide in Ausnahme- oder auch Gefahrensituationen weniger Hilfe erhalten, da sie länger Zeit brauchen, um Ereignisse zu verstehen und entsprechend ihre Bedürfnisse zu kommunizieren. Nias Chefin beschreibt immer wieder ihre Sorgen, dass ihr körperlich behinderter Sohn nicht von der Gesellschaft akzeptiert wird oder Schwierigkeiten mit der Uni hat, obwohl er allein im Leben zurechtkommt.

Das Spiel fokussiert sich jedoch nicht nur auf die negativen Aspekte, sondern zeigt vor allem, wie behinderte, beziehungsweise neurodivergente Menschen mit Schwierigkeiten im Alltag umgehen und schafft gleichzeitig Sichtbarkeit für deren Bedürfnisse. So geht es in einem Großteil der Geschichte darum, dass Nia versucht, ihrer Kollegin klarzumachen, dass sie Gegenstände in einer bestimmten Ordnung braucht, wofür ihre Kollegin zunächst kein Verständnis zeigt. Auch einige Kund*innen zeigen sich zunächst abgeneigt von Nias Eigenarten, während andere diese cool finden oder sich auf Anhieb mit ihr verstehen. Durch die verschiedenen Interaktionen mit den unterschiedlichsten Menschen werden verschiedene Perspektiven auf die Thematik geworfen.

Hürden sichtbar machen

Neurodivergente Menschen stoßen im Alltag oft auf Schwierigkeiten, beispielsweise haben sie Probleme, Kontexte zu verstehen oder ihre Energie zu managen. Neurotype Cafe implementiert diese Schwierigkeiten in die Spielmechanik, sodass auch Menschen ohne Neurodivergenz diese nachvollziehen und erleben können. Bei einem Großteil der Bestellungen geht es darum, das richtige Getränk zu servieren, doch sagen die Kunden meist nicht direkt, was sie haben wollen. Die Spielenden müssen daher teils blindlings raten oder auf Hinweise während der Interaktionen achten, und trotzdem kann es passieren, dass ein falsches Getränk serviert wird. Das kostet Energie. Nia hat pro Tag zwei Energiebalken. Wenn diese leer werden, kann sie keine weiteren Getränke mehr zubereiten. Repräsentativ steht das dafür, dass neurodivergente Menschen, sobald ihre Energiereserven verbraucht sind, bestimmte Aufgaben nicht mehr oder nur sehr schwer ausüben können.

Fazit

Neurotype Cafe ist eine nette, kleine Visual Novel mit ein paar interessanten Spielmechaniken, die auf die Schwierigkeiten von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen aufmerksam machen. Dabei wird ein differenziertes Bild von Behinderung gezeichnet, das über eine stereotypische Darstellung hinausgeht. Das Spiel ist nur auf Englisch verfügbar, weswegen Englisch-Kenntnisse zum Verständnis der Geschichte erforderlich sind. Auch wenn die Spielmechanik einfach zu verstehen ist, kann die Thematik für Jüngere zu komplex sein.